Donnerstag, 5. Dezember 2019

Tag 39: From Dawn Till Dusk.

Samstag, 30.11.2019
39. Wandertag
Requena nach Cofrentes
10h / 40km
659m rauf / 922m runter

Aufstehen ist heute Morgen eine echt Disziplinübung. Ich habe eine fette Strecke vor mir, der Wecker rödelt um 0630 Uhr, damit ich noch vor Sonnenaufgang in die Gänge komme. Nach dem gestrigen "Waschabend" sammle ich alle meine Klamotten wieder zusammen, die quer durch Zimmer und Bad auf allen möglichen Ecken aufgehängt sind, trage die Fernbedienung wieder runter zur Rezeption und bin raus. Draußen in den Straßen ist es stockduster, die Straßenlampen sind aus. Nur in der kleinen Panaderia nebenan ist Licht, das auf die kleine dunkle Gasse scheint. Drinnen ist es feuchtwarm, es gibt superfrisches Brot und Teilchen. Guter Start.

Am Stadtrand überholen mich zwei Mountainbiker, wir grüßen uns freundlich und sind offenbar alle drei stolz, daß wir es schon so früh aus den Federn geschafft haben. Außer uns dreien sind auch schon die Hunde der umliegenden Gärten und Schuppen wach, die die Kunde meiner Durchreise wie eine Flüsterpost von Grundstück zu Grundstück weiterreichen.

Durch die kleinen Hügel mit Weinreben ziehe ich Richtung Süden, auf einem schmalen Pfad, den es auf der Karte gar nicht gibt. Durch ein Wäldchen, an einer Ruine vorbei - auf die Straße. Wandern auf Asphalt wird heute leider immer wieder Thema sein, wenigstens ist hier so früh am Morgen noch Null Verkehr.

 
Die Sonne kommt raus und verdrängt relativ bald die morgendlichen Wolken. Es wird ein richtig schöner Vormittag und ungefähr zwei Stunden nach meinem frühen Start werfe ich das erste Mal den Rucksack zur Frühstückspause ab. Herrliche Croissants, würzige Wurst-Teigmantel-Teilchen, Orangensaft, ein paar Pistazien zum Knabbern. Das ist die sonnige Seite der schlechten Angewohnheit, mit der ich gestern Abend im Supermarkt mal wieder viel zu viel eingekauft habe. Die Anzahl der Pausen für heute habe ich mir übrigend streng eingeteilt, damit ich noch bei Tageslicht mein Ziel erreiche. Bloß nicht bummeln, sonst kommste heute nie an...



Erstes Zwischenziel ist das Dorf La Portera. Beim Daraufzulaufen nehme ich mir vor, das Dorf total öde und tot zu finden, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Bar im Centro Social hat offensichtlich den Grill angeworfen (so riecht es zumindest) und vor der Tür stauen sich deswegen die Autos und Rollatoren. An jeder Ecke steht irgendjemand und unterhält sich mit Nachbarn, am Ende des Dorfes macht eine Künstlerin mit jungem Stadtvolk gerade vor dem Atelier Fotos von ihren Gemälden. Und trotz gegensätzlicher Vorurteile verlasse ich La Portera mit einem Lächeln mehr auf den Lippen, als ich es eigentlich vorgehabt hatte.

La Portera. Die einzige Seitenstraße, in der nix los war.
Hinter dem Dorf laufe ich an einer rumänischen Arbeiterrotte vorbei, die auf dem Feld die Weinreben zurückschneidet, die Chefin schnorrt mich aus der Entfernung um Zigaretten an, ich mache entschuldigende Gesten und sie ist gut aufgelegt, wiederholt meine Geste und winkt freundlich.

Ich mogele mich trotz einiger unfreundlicher Schilder durch die Hügel des Weinguts, auch als ich am Haupthaus vorbeikomme, scheint mich niemand zu bemerken. Das wäre heute auch echt nicht mehr drin: Noch irgendwelche Umwege laufen, nur weil jemand nicht damit einverstanden ist, daß ich über sein Land laufe...
Als ich der Nationalstraße 330 wieder näher komme, kündigt sich selbige durch reichlich Lärm an. Aus der Entfernung sehe ich diverse scharfe Autos mit Geschwindigkeiten und Geräuschkulissen weit jenseits aller europäischen Vorschriften. Kombiniere: irgendeine Rallye-Verbindungsetappe? Ich kann nicht genau erkennen, welche Aufschriften die Fahrzeuge tragen, aber es ist eine bunte Mischung. Von aktuellen Porsche 911ern über breite Minis bis zum alten Ford Capris ist alles dabei. Ich lausche und genieße...


Auch durch das nächste Dorf Los Pedrones gleite ich einfach hindurch. Im mittäglichen Herbstlicht sitzen zwei ältere Damen unter einem Baum mit knallgelben Blättern und rauchen. Ein seltsam beruhigender Anblick. Zwei Reiseradler überholen mich und klingeln dabei zur Begrüßung, wir sehen uns nach dem Dorf nochmal kurz quer übers Feld, als unsere Wege sich wieder trennen, und winken zum Abschied.

Weiter, immer weiter. Einen 40km-Tag schaffe ich nur, wenn ich die Zügel straffhalte. Soviel weiß ich... Am Nachmittag treffe ich wieder auf die Nationalstraße 330, die hier eine beeindruckende Kurve macht, um danach runter ins Tal von Cofrentes zu führen. Bis hierhin waren es 30 oder 31km, das hätte eigentlich für ein Tagespensum ausgereicht. Aber vor mir liegen noch 10km, und die nenne ich jetzt einfach mal euphemistisch: Endspurt.

Da hinten bei den Kühltürmen: Cofrentes.


Von der Kurve aus kann ich zum ersten Mal den Star des heutigen Tages sehen: Das Kernkraftwerk von Cofrentes. Ich bin nachgerade empört, als ich feststelle, daß die Kühltürme nicht qualmen und hier offensichtlich keine sweet sweet nuclear energy erzeugt wird. Werden die vielen Windräder auf den Bergen ringsum das etwa übernommen haben? Ich gucke mich noch ein bißchen an den grünen Hügeln und blauen Horizonten satt und mache mich an den Abstieg.

Nach all den breiten Feldwegen und kleinen Asphaltstraßen, auf denen ich bisher gelaufen bin, ist die Piste durch den Wald tatsächlich eine angenehme Abwechslung. Schatten, der würzige Duft des Waldbodens und der Bäume - da schockt mich auch der Zaun nicht, der plötzlich vor mir auftaucht. Das Tor kann man aufpfriemeln, dann komme ich da durch. Eine Viertelstunde später merke ich, daß ich mir damit offenbar Zutritt zu einer Obstplantage verschafft habe, aber heute gilt immer noch: Es werden keine Gefangenen Umwege gemacht. Auf der Karte sehe ich keine Wegalternativen, also muß ich einfach hier lang. Daran ändert sich auch nichts, als ich die Zäune 2 und 3 überqueren darf, unglücklicherweise in Sichtweite des Obsthofes. Aber keiner guckt, und als ich 20 Minuten später Zaun 4 überquert habe, weiß ich, daß ich wieder "draußen" bin. Vor allem deswegen, weil der bis eben noch gut benutzte Feldweg sich sehr plötzlich zwischen Büschen und Bäumen verläuft und ich mitten im Unterholz stehe.

Bäm. Das wars mit dem gemütlichen Feldweg...
Die nächste Stunde tanze ich mit den dornigen und stacheligen Büschen, aber irgendwie findet sich immer ein Trampelpfad, der in die richtige Richtung führt. Beim Abstieg komme ich an farbigen Klippen vorbei, die von der Erosion wunderschön geformt wurden und sich trotz ihrer Schönheit ganz unschuldig im weglosen Wald verstecken.


Die Trampelpfade finden die erste Fahrspur, die wird zur Piste, mündet dann in die Straße. Die letzte Stunde Abstieg bis Cofrentes absolviere ich im goldenen Licht der Sonne, die schonmal vorsorglich hinter den Bergen verschwinden will. Auf der gegenüberliegenden Talseite ragen schroffe Felsformationen in den Himmel, ich entdecke ganz oben eine abgefahrene Felsenbrücke, durch die hindurch man den Himmel wieder sehen kann. Keine Ahnung, wieviele Jahre das noch halten wird, bevor Wind und Wetter das Gestein durchgenagt haben...

Oben in der Mitte, leicht rechts: Ein Schaufenster.
Unten am Stausee haben sich schon ein paar verirrte Wohnmobilisten für die Nacht bereit gemacht. Im Vergleich zum fast sommerlichen Nachmittag (19 Grad) ist es plötzlich empfindlich kalt, ich schenke mir die letzte kleine Pause, die ich mir eigentlich zugestanden hätte, und will lieber ankommen.

Nette Nachbarn.
Auf dem Mirador von Cofrentes lauert/lungert die Jugend und vertreibt sich den Samstagabend, ich finde in dem Gewirr aus kleinen Gassen und Plätzen erst auf den 2. Versuch meine Casa Rural. Mir öffnet Senor Salud (zu deutsch: "Herr Gesundheit" oder, wenn man eine Ulknudel ist, auch "Herr Prost"). Der heißt wirklich so und zeigt mir voller Ernst erstmal das ganze Haus. Von der Dachterrasse sehe ich erst, wie nah Cofrentes eigentlich wirklich an diesem Kernkraftwerk dran ist.  Monsieur Salud bestätigt mir, daß das Ding geschlossen sei; dank Sprachbarriere verstehe ich aber nicht, seit wann eigentlich.

Der Tag ging gut auf die Knochen. Nach der üblichen Choreographie aus Ankommen-Duschen-Hinlegen komme ich dank fehlender Motivation nicht wieder aus dem Bett und bleibe einfach liegen. Abendessen? Jaja, vielleicht morgen. Ich hätte ja im Rucksack neben dem Bett noch einiges an Proviant, aber noch nicht mal das reizt mich wirklich. Größter Vorteil daran, schon um 2100 Uhr schlafen zu gehen: Man hat mehr von der Nacht. Bonne nuitée!

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