Samstag, 14. Dezember 2019

Tag 47: Ankunft im Nirgendwo.

Nope.
Montag, 09.12.2019
47. und letzter Wandertag
Pinoso nach Venta Román (N-344)
6,25h (inkl. Pause) / 28km
207m rauf / 427m runter

Wenn mir an einem der Wandertage das Loslaufen ganz besonders leicht gefallen ist, dann heute. Nicht weil die Unterkunft doof gewesen wäre (ganz im Gegenteil), sondern weil ich mich tierisch auf's Ankommen freue. Bäckerei und ähnlichen Kram: Brauche ich heute alles nicht.

Besonders schön ist es hinter Pinoso nicht, aber das wusste ich auch schon vorher. Relativ langweilige Landschaft, leicht fehlplatzierte "Mansions" mit oft fragwürdigen gärtnerischen Entscheidungen, Wandern auf schmalen Asphaltpisten, die ich mir mit schlechtgelaunten Autofahrern teilen muß. Da ist der Abzweig auf den ersten Schotterweg eine gute Stunde später echt eine Erleichterung.

Ich komme an der Steinsäule vorbei, die sicherlich jeder GR7-Wanderer fotografiert hat; sie markiert die Grenze zur Provinz Murcia. Die wird für mich aber nicht lange halten, denn heute Abend bin ich schon fertig. Eigentlich beende ich heute fast jeden Satz mit dieser Aussage - passt ja irgendwie auch. Alles, was ich die letzten zwei Monate gemacht habe, ändert sich ab morgen. Die tägliche Routine aus Aufstehen - Loslaufen - Pause machen - Ankommen hört auf, das morgendliche Suchen nach der nächsten Panaderia hört auf, das Herumstammeln auf Spanisch hört auf, das Draußensein hört auf, das ständige Angeben mit blauem Himmel und frühlingshaften Temperaturen (heute immerhin bis 20 Grad) hört auf. Aber ich freue mich darauf, wieder in mein altes Leben einzutauchen. Nach fast zwei Monaten ist es auch genug.


Kurz hinter der Provinzgrenze gibt es den einzigen Aussichtspunkt des Tages. Ich suche am Horizont immer noch den Almorchón, meinen Lieblingsberg kurz hinter Cieza. Aber vergebens. Trotzdem weiß ich, daß es nicht mehr weit ist. Die Kilometer auf dem GPS fliegen heute einfach nur so weg.

Ich bin heilfroh, daß ich hier im Dezember rumlaufe und nicht während der Sommermonate. Die ganze Etappe ist ohne Schatten, durch weites und offenes Gelände. Ich komme nur einmal an Bäumen vorbei, unter denen man im Sommer eine kühle Pause einlegen könnte. Und dabei erinnere ich mich mit Schaudern an die 29 Grad, die ich letztes Jahr schon im Frühling hier in der Gegend hatte.


Die nächsten Stunden geht es eigentlich immer nur geradeaus, auf die Puerta de Jaime Román zu; ein überraschender Einschnitt in die durchgehende Bergkette, die mich nördlich schon seit seit dem Vormittag begleitet. Bis dahin passiert nicht viel und es gibt auch nicht viel zu sehen. Immer weiter nach Westen. Wegmarkierungen gibt es kaum. Möglichkeiten, sich zu verlaufen, eigentlich auch nicht.

Hab ich Bock auf Pause? Nö, heute nicht. Ich ringe mich dazu durch, ein Taxi vorzubestellen. Bis gestern Abend war ich mir noch ganz sicher, wie ich eigentlich von der gottverlassenen Venta Román ins 25km entfernte Cieza kommen will. Es gibt nen Bus, aber nur alle 4h und mit Umsteigen hinter den Bergen bei den sieben Zwergen. Trampen? Zu kompliziert. Also Taxi. Ich bin sehr gespannt, wie das mit meinem miesen Spanisch funktionieren wird. Das ist ungefähr so, als müsste man einem Berliner Taxifahrer am Telefon auf Italienisch erklären, daß man kurz vor Strausberg auf der Landstraße soundso an der ehemaligen Tankstelle XY abgeholt werden möchte. Aber wider Erwarten klappt das alles irgendwie ganz gut, der gute Mann am Telefon scheint parallel zu googlen und weiß relativ schnell, wo und was die Venta Román ist. Dann bis 1630 Uhr...


Kurz vor der Puerta bilde ich mir ein, daß ich den Almorchón da drüben hinter einem Berg hervorlugen sehe, dann müsste das links daneben der Berg über Cieza sein - ganz egal, ob ich Recht habe oder nicht: Ich rieche schon förmlich das Ziel. Bis ich meinen Berg wirklich entdecke, braucht es noch eine gute Stunde Weg, durch die Puerta bin ich da schon durch und auf dem Abstieg ins Tal der Venta Román. Eigentlich warte ich inzwischen jede Minute darauf, um die Ecke zu kommen und das gelbe Gebäude zu sehen, das mein Ziel markiert.


Aber die Venta versteckt sich. Erstmal durch endlose Obstplantagen. Und vorbei an kleinen Ansammlungen von Häusern, die vollgemüllter und abgeranzter aussehen, als alles bisher in Spanien. Kleine Gruppen streunender Hunde treiben sich herum, aber sie haben eher Schiß vor mir. Ihr Gebell verfolgt mich bis zur Autobahn, die das Tal durchschneidet. Gleich dahinter muß die Venta sein. Ich kenne das alles von der Karte, alles bekanntes Gelände. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tals sehe ich die Schotterpiste, auf der ich letztes Jahr gelaufen bin, ich bin gleich da.


Und dann geht alles ganz schnell. Durch die Autobahnunterführung sehe ich das aufgegebene Restaurante Román, bewacht von einem letzten Rudel streunender Hunde, auf der Seite zur Straße hin haben sie seit letztem Jahr ein neues Bushäuschen gebaut. Ich werfe den Rucksack ab, sitze in der Sonne und bin zufrieden. Und fertig. (Naja, fast. Es fehlen noch die zwei Tage in Andalusien; die hebe ich mir für nächstes Jahr auf.) Es ist kein Zieleinlauf mit brüllendem Triumph, sondern ein stilles Ankommen am Kreisverkehr mitten im Nirgendwo, ein kurzes Nicken: Ja, hier warst du schon mal, da drüben ist der Weg, den du von Andalusien bis hierher gekommen bist. Hier ist es gut. Unspektakulär, eher mit der stillen Befriedigung, mit der der Bauer den Blick über ein frisch gepflügtes Feld schweifen lassen würde.

Das Taxi kommt pünktlich, ich kann mir während der Fahrt nach Cieza das zufriedene Grinsen nicht aus dem Gesicht wischen. Ich steige vor meinem Hotel aus, glaube die Rezeptionistin von meinem letzten Aufenthalt wiederzukennen und fühle, daß irgendwas anders ist als sonst. Übermorgen bin ich zuhause. Nach fast zwei Monaten unterwegs.

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