Sonntag, 8. Dezember 2019

Tag 42: Boah, wie häßlich. Danke, Camino de Santiago de Levante.

So macht Pilgern Spaß!
Dienstag, 03.12.2019
42. Wandertag
Almansa nach La Font de la Figuera
6,75h (inkl. eine kurze verfrorene Pause) / 30km
476m rauf / 591m runter

Der Blick aus dem Frühstücksraum des Hotels ist ein Panorama der Trostlosigkeit. Ein schlammiger LKW-Parkplatz, Müllcontainer, Autobahnauffahrt und am Himmel Wolken. Und noch mehr Wolken.
Ich trete in vollem Regenzeug hinaus in die nasse Stadt und mache noch einen schnellen Zwischenstop beim nächsten Bäcker. In der Altstadt gucke ich das Castillo kurz von schräg unten an, aber mit einem Seufzer aus der Tonlage "Na los, reiß dich zusammen..." biege ich ab in die nächste Straße, die mich zum Stadtrand führt.

Die heutige Etappe folgt dem Camino de Santiago de Levante (eine Variante, die von Valencia nach Santiago führt), weil ich mir bei der Routenplanung dachte: Die werden sich schon eine schicke Strecke ausgesucht haben, da muß ich nicht selber irgendeinen Murks zusammenplanen. Ich sollte heute eines Besseren belehrt werden.


Am Stadtrand warten Wind und Regen, die klammen Gärten ringsum sehen wenig idyllisch und einladend aus. Der Weg führt hart neben einem breiten Abwasserkanal entlang, der zur Kläranlage zwei Kilometer weiter gehört. Ab und zu scheint irgendein Notüberlauf dafür zu sorgen, daß der Kanal mit Kloake geflutet wird - so sieht er zumindest aus und so riecht er auch. Die Pflanzen an den Rändern des Kanals sind mit Klopapier und Kondomen dekoriert und auf dem Grund wabert eine grellgrüne Brühe mit öligen Schlieren.
 
Weiter draußen auf der brettflachen Ebene schieben sich von links wieder Autobahn und Eisenbahnstrecke ins Sichtfeld, rechts überflutete Felder und Industriegebiete. Der Jakobsweg will mich ernsthaft mitten durch die matschige Ödnis der schlammigen Senke prügeln. Könnte theoretisch funktionieren, die Wege scheinen gerade so oberhalb der Wasserlinie zu liegen. Aber schon auf den letzten hundert Metern davor gerate ich in derart hartnäckige Schlammfelder, daß ich freiwillig den Rückzug antrete und mir einen Weg außenherum improvisiere. Aber auch auf der breiten Piste, die auf den ersten Blick recht vertrauenerweckend aussah, bilden sich schnell zentimeterdicke Schlammpolster unter den Stiefeln. Über einen stinkenden Graben balancieren, an der großen Straße entlang hasten, 20 Minuten später kann ich wenigstens in ein stilles Industriegebiet abbiegen und die Peilung auf den Camino Santiago wieder aufnehmen.

Zu meiner Überraschung treffe ich einen anderen Wanderer, der mir durch den Regen und den Wind entgegen kommt. Wie zwei schwarz umhüllte Schiffe schwanken wir im Wetter aufeinander zu, unterhalten uns ein bißchen und stellen schmunzelnd fest, daß wir zwar beide heute auf dem Jakobsweg unterwegs sind, beide aber gar nicht pilgern. Er will nach Toledo, ich sowieso ganz woanders hin. Ich warne ihn noch vor, was ihn ein Stück weiter an Schlammschlacht erwartet und wir ziehen beide weiter unserer Wege.

Im nächsten Tal derselbe häßliche Anblick: ein paar tote Häuser (Casas de Campillo), die durch die neue Autobahntrasse nebenan wie von der Welt abgeschnitten wirken. Ich unterquere die Autobahn durch einen Entwässerungstunnel, weil ich keine Lust habe, den absurden Umweg bis zur nächsten Brücke zu nehmen. Außerdem kommt dadurch wenigstens ein bißchen "Abenteuer" in diese bisher stinklangweilige Etappe.

Weiter auf schnurgeraden Feldwegen. Ab und zu ein Auto, ansonsten bin ich mit Wind und Regen allein. Die einzige Abwechslung ist lediglich, daß ich mal rechts und mal links der Bahnstrecke laufe. Und alle Stunde fährt ein Zug vorbei. Verflucht, ist das eine häßliche Etappe. Klar, das schlechte Wetter hat sicherlich großen Anteil daran, aber die Wege hier durch die flachen Täler sind das Reizloseste, was ich seit Langem gesehen habe.



Der Spaß ist mir heute schon lange verloren gegangen. Es ist naß und kalt, der Wind treibt mir den Regen ins Gesicht und unter die Kapuze. Ich beschließe, daß diese Etappe mit Abstand der häßlichste Abschnitt dieser Spanien-Wanderung ist, vielleicht sogar in der Top/Flop 5 dessen, was ich bisher gesehen habe. Der Höhepunkt an Trostlosigkeit ist ein Haufen aufs Feld gekippter und verklappter Orangen, die mit ihrem knalligen Farbton einen traurigen Kontrast zu all dem Grau ringsherum bilden. Ich stehe viel länger als notwendig da und gucke rüber zu den Orangen; es ist ein bißchen so, als würde sich die Absurdität der heutigen Etappe in diesem Anblick materialisieren.




Am Nachmittag komme ich das erste Mal heute an einem kleinen Wäldchen vorbei und suche reflexhaft nach einem Platz für eine Pause. Irgendwas, irgendwo. Ich muß langsam mal sitzen. Die letzten Tage hatte ich sowieso schon gemerkt, daß mir die langen Etappen noch in den Knochen (und vor allem den Knien) sitzen. Vielleicht kann ich jetzt wenigstens meine miese Laune mit einem kleinen Regenpicknick aufbessern. Nach 5 Minuten ist wird mir allerdings kalt und ich fange ordentlich an zu frieren, also weiter. Hilft ja nix. Dann besser in Bewegung bleiben und ankommen.

Und immer wieder: Schlammschlacht.

Die letzten Stunden sind eigentlich nur noch ein Kampf, im Wesentlichen mit mir selbst. Regen und Wind wollen nicht nachlassen, ich stapfe mißmutig geradeaus und will es es heute einfach nur hinter mich bringen. Gleichzeitig bin ich heilfroh, daß ich mich schon gestern dazu entschlossen hatte, morgen nochmal einen Tag Pause zu machen. Vor allem, weil der Wetterbericht auch für morgen noch Mistwetter en masse angesagt hat. Danach soll es wieder besser werden...

Als La Font de la Figuera in Sicht kommt, mache ich mir langsam Gedanken, wie ich die schlammigen Stiefel wieder einigermaßen stadtfein bekomme. Nicht daß mich die Optik groß stören würde, aber die Casa Rural für heute Abend ist eher eine private Übernachtungsmöglichkeit - und in das Haus von Fremden marschiere ich ungerne mit lehmigen Schuhen hinein. Also "bade" ich die Stiefel immer wieder in Pfützen auf der Straße und gebe dabei ein selten dämliches Bild ab.

Erst unter der Dusche fällt der "Durchhaltemodus" langsam von mir ab, die letzten knapp 7h Wandern waren einfach nur Mist. Bis zum Abendessen schlafe ich noch ne Runde, ab jetzt wird alles gut.

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