Freitag, 6. Dezember 2019

Tag 40: Erster Advent in kurzen Hosen.

Cofrentes kann auch hübsch: Die alte Brücke.
Sonntag, 01.12.2019
40. Wandertag
Cofrentes nach Ayora
7,25h (inkl. Pausen) / 27km
694m rauf / 469m runter

Cofrentes und ich haben uns am Morgen nicht viel zu sagen... Ich ziehe hungrig durch die Straßen, natürlich hat am Sonntag alles zu, auch keine gnädige Panaderia ist in Sicht.

Eigentlich will ich mich auch gar nicht lange aufhalten, zum Start der Etappe muß ich erstmal eine halbe Stunde auf der Nationalstraße 330 laufen, weil es zwischen Kernkraftwerk und Berg keine anderen Wege gibt. Auf der Karte gäbe es einen Weg auf der anderen Seite des Flusses, aber auf der gleiche Karte sieht es schwer danach aus, daß derselbe Weg quasi mitten durch das Kraftwerksgelände führt. Und ich würde meinen Arsch darauf verwetten, daß ich da schneller vor einem Zaun stehe, als ich "Empanadilla" sagen kann. Und zwar vor einem Zaun, über den ich nicht drüberklettern kann oder will.


Die ehemalige N-330: entspanntes Wandern.
Also mogele ich mich so gut es geht an den Rändern von Cofrentes vorbei, gehe auf der aufgerissenen Fahrbahn der alten/ehemaligen N-330 an einem Zaun entlang, der mich von der neuen/lebendigen N-330 trennt. Auf Google Street View hatte ich schon gesehen, daß der Zaun irgendwann endet - das tut er auch brav, nach einer kleinen Kletterpartie über diverse Leitplanken stehe ich auf der Straße und tue so, als wäre das mein Standard-Spazierweg. Die Autos sind allerdings ganz klar anderer Meinung, nämlich daß ich hier nicht hingehöre. Ich kriege trotz wenig Verkehr am Sonntagmorgen mehr als nur ein Hupen ab und entsprechend froh bin ich, als ich über die nächste Leitplanke klettern kann. Wieder zurück auf die ehemalige Trasse der N-330, die nicht mehr benutzt wird, seit die neue Straße durch das Tal nebenan gebaut wurde.

Hinter den Leitplanken bin ich wieder in meiner Komfortzone. Ich laufe durch ein leeres Tal, das sichtlich die Stille genießt, seit die N-330 hier nicht mehr durchrauscht. Dabei betrachte ich aus Versehen den Hintern eines älteren Herrens, der zwischen zwei Olivenbäumen eine Stretchingpause vom Joggen einlegt. (Er stand so zwischen den Bäumen versteckt, daß ich ihn vorher überhaupt nicht gesehen hatte. Der Blick auf den Hintern war natürlich nur reflexhaft, da gab es nichts Interessantes zu sehen. Ohne daß er mich entdeckt hätte, bin ich quasi von mir selbst ertappt weitergelaufen...)

Oben auf dem Gipfel: Das Castillo von Jalance.
Das erste Dorf Jalance hat offensichtlich einen Hang zu kräftigen Farben. Die Hauptstraße ist bunter und farbenfroher als fast alle Dörfer, die ich in Spanien bisher gesehen habe. Trotzdem ist am Sonntagvormittag natürlich tote Hose, selbst die einzige geöffnete Bar hat nur einen einzigen Stuhl auf den Gehweg rausgestellt, eher ein Signal "Wir haben geöffnet!" denn eine ernstgemeinte Einladung, sich da hinzusetzen. Neben dem Friedhof gibt es ein paar schöne Bänke in der Sonne, die ich zur Frühstückspause nutze - der Rucksack gibt immer genug Futter her. Irgendwo ganz unten im Proviantbeutel müssten noch 5 oder 6 Snickers rumfliegen, die ich tatsächlich seit Tag 1 mit mir rumschleppe. War mal als "Eiserne Reserve" gedacht, aber eine Proviant-Notreserve ist in Spanien eigentlich so unnötig wie ein Kropf. Schließlich kommt man selbst mit leerem Rucksack fast in jedem Dorf an einer Bar vorbei. Und da geht immer was.

Auch hinter Jalance geht noch was, kurz bevor ich die N-330 mal wieder überquere, gähnt unerwarteterweise eine Tankstelle in der Mittagssonne. Der Tankwart und seine Freundin sitzen auf Plastikstühlen hinter dem Shop in der Sonne und warten auf Kundschaft. Ich kaufe unter seinen mißtrauischen Augen ein paar Getränke und mache mich auf in die Wüste, die gleich auf der anderen Straßenseite beginnt.



Und in der Wüste verlaufe ich mich relativ schnell. Das was ich hier Wüste nenne, ist eigentlich ein sehr breites Tal, in dem eine Unzahl von kleinen Hügeln und Buckeln dafür sorgt, daß die Landschaft vollkommen unübersichtlich wird. Vor allem, wenn du mittendrin stehst. Ich muß irgendwo einen Abzweig verpaßt haben ohne es zu merken, denn irgendwann geht die Piste zwischen den ganzen kleinen Sandhügeln in eine gänzliche falsche Richtung. Wie immer bin ich zu stolz, einfach den gleichen Weg zurück zu laufen und bestehe statt dessen darauf, querfeldein wieder auf die richtige Spur zu kommen. Dabei verfranse ich mich gleich nochmal, beim 3. Anlauf klappt es dann - der Weg geht nicht unten zwischen den Hügeln entlang sondern hoch über dem Tal am Hang, von wo aus alles so schön übersichtlich aussieht.

In Jarafuel ist noch ganz klar goldener Herbst.

Nach dem nächsten Dorf Jarafuel geht es für den Rest des Tages auf Asphalt- und Schotterpisten weiter zum Ziel. Ich hatte bei der Planung eigentlich schon seufzend gedacht "Naja, dann läuft du halt die letzten 10km auf der Straße...", aber zu meiner Überraschung sehe ich auf dieser Strecke kein einziges Auto - und mehr Rumpelwege als Asphalt.

Der Nachmittag ist mit 19 Grad wieder richtig warm geworden, bei dem Gedanken an den heutigen 1. Advent muß ich gehörig schmunzeln. Also mache ich nochmal ausgiebig Pause in der Nachmittagssonne, bevor ich die etzten Kilometern durch die Gärten vor Ayora wandere. Dort ist überall Betrieb, das schöne Wetter hat alle am Wochenende nochmal aufs Gartengrundstück gelockt.



Meine Übernachtung für heute ist ein Restaurant an der Ausfallstraße nach Norden, das auch Zimmer vermietet. Als ich dort ankomme, ist gerade eine riesige Familienfeier im Gange. Alle schick angezogen, alle kennen sich. Ich fühle mich mit meinem Rucksack mehr als fehl am Platz. Aber der Chef nimmt sich erstaunlicherweise trotz all dem Trubel alle Zeit der Welt, um mir das Zimmer im Haus gegenüber zu zeigen, zwischendurch rutschen ihm dabei sogar ein paar deutsche Sätze raus. Da werde ich wohl morgen früh nochmal nachhaken müssen.

Das Restaurant ist heute Abend leider geschlossen wegen Sonntag. Beim Durchsuchen der Altstadt nach etwas Essbarem laufe ich reihenweise an geschlossenen Restaurants und Bars vorbei -- und entscheide mich plötzlich für einem Döner. Die Jungs hinter dem Tresen tragen T-Shirts mit dem Aufdruck einer deutschen Dönerproduktion, die gesamte Jugend von Ayora scheint hier ein und aus zu gehen und die Speisekarte ist die gleiche wie in Berlin. Genau das war der entscheidende Grund für die Dönerparty heute Abend: leichtes Heimweh. Ich trage die selbe Knistertüte mit derselben Alufolienkugel nach Hause, wie man es auch in Berlin machen würde; und für einen Moment fühle ich mich ein Stück weit zu Hause.

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