Samstag, 7. Dezember 2019

Tag 41: Regen. Nur Regen.

Montag, 02.12.2019
41. Wandertag
Ayora nach Almansa
6,25h (inkl. kleiner Pause) / 28km
406m rauf / 312m runter

Schickes Frühstück, ein längerer Plausch mit dem Wirt (der mir kurz seine Lebensgeschichte herunterdekliniert; in Deutschland geboren, mit 15 zusammen mit den spanischen Eltern wieder in die halbfremde Heimat gegangen...). Dabei löst er das Rätsel des "stillgelegten" Kernkraftwerks von Cofrentes: Nix stillgelegt. Nur für mehrere Wochen für turnusmäßige Wartungsarbeiten runtergefahren. Er erzählt mir außerdem, daß für diese Wartungsarbeiten tonnenweise Spezialkräfte aus ganz Spanien und Europa hier in der Gegend sind und sich auf die ganzen Ferienapartments und Zimmer in einem Umkreis von 50km verteilen. Das erklärt, wieso hier zu so einer seltsamen Jahreszeit so viele Läden ausgebucht sind... Mit befriedigter Neugier stehe ich um kurz vor 1000 Uhr auf der Straße.

Ich gehe los. Der Regen auch. Heute wird wahrscheinlich ein Tag nach dem Schema "Einfach nur hinter sich bringen" werden, der Wetterbericht sagt Wind und Regen satt an, ungefähr für die nächsten drei Tage. Das klingt erstmal doof, aber wenn ich es mit etwas Abstand betrachte, wird das wahrscheinlich der erste richtige Regentag überhaupt auf der ganzen Tour. (Ich habe beschlossen, daß ich den kurzen kräftigen Schauer vor ein paar Wochen, gleich hinter Fuentes de Ebro, hier nicht mitzähle. Immerhin hat damals am Nachmittag dann massiv die Sonne geschienen.) Also kann ich mich eigentlich kaum beschweren.

Die Hügel hinter Almansa bringen wenig Interessantes mit sich. Höchstens die Tatsache, daß sich zwischen die Oliven-, Mandel- und sonstigen Obstbäume immer wieder auch frisch gepflügte Felder (wie in: Getreidefelder) mischen. Regenjacke an, Schirm aufgespannt, beim Laufen dem Regen zuhören. 

Ich mache eine kurze Pause unter einem Baum, auf dem einzig trockenen Fleckchen weit und breit, und gönne mir die Ausbeute aus der Panaderia in Ayora. Heute empfehlen wir besonders: Schoko-Croissants mit so viel Schoko drin, daß sie beim Reinbeißen fast explodieren. Ich schaffe genau eines davon, trinke ein bißchen Wasser hinterher und bin für mindestens das 2. Frühstück und das Mittagessen gesättigt.


Eine gute Stunde später laufe ich im Regen an einem Hufeisen vorbei, das ein Pferd auf dem steinigen Weg verloren hat -- und drehe fünf Minuten später wieder um. Daran kann ich doch nicht vorbeigehen, das kommt als Erinnerung an diese Wanderung oben an den Querbalken meiner Garage. Da hängt auch schon das damals in Frankreich gemopste Schild. Im Eisen stecken noch fünf alte Nägel, die ich teilweise rausoperieren muß, um das Ganze transportabel zu machen. Ein kleinen Seufzer entfährt mir dann schon, als ich mich dazu entschließe, ab sofort für eine ganze Woche ein knappes halbes Kilo Eisen mit im Rucksack rumzuschleppen.

Die Hügel werden flacher und die Landschaft offener, was heute nichts anderes bedeutet, als daß der Wind ein noch leichteres Spiel mit mir hat. Den Regenschirm habe ich schon beiseite geklappt und höre dem andauernden Nieselregen dabei zu, wie er auf meine Kapuze klimpert.


Auf der anderen Seite der Nationalstraße laufe ich später in eine Falle: Eine Finca (ich vermute: Obstplantage?) hat den einzigen Weg weit und breit, der in meine Richtung führt, mit einem Tor dichtgemacht. Links und rechts könnte man durchgehen, es gibt keinen Zaun, nur ein blutrotes Schild mit gelben Lettern: "Achtung, freilaufende scharfe Stiere!" (so meine laienhafte Übersetzung vom Spanischen ins Deutsche). Das glaube ich natürlich kein Stück weit. Wo kein Zaun, da mit Sicherheit kein freilaufender Stier. Schon gar nicht auf einer Obstplantage. Trotzdem versuche ich, einen Weg um die Finca herum zu improvisieren, sie haben mit einer interessanten Staffelung an Verbotsschildern relativ klargemacht, daß sie keinen Besuch wünschen. Also wandere ich auf Kreuz- und Querwegen und später querfeldein durch die Obstbäume und warte immer mit einem halben Ohr darauf, daß gleich ein kleiner weißer Peugeot-Lieferwagen neben mir hält und Gesprächsbedarf anmeldet.

Aber nichts dergleichen. Nach einer guten halben Stunde bin ich auf der anderen Seite wieder raus und leicht genervt. Was für ein schräger Umweg. 

Lecker Wetter.
Immerhin war es eine kleine Abwechslung von den heute extrem öden Wegen. Ich darf mich eigentlich nicht beschweren; mir war total klar, daß bei der selbstgezimmerten Route hier unten im Tal der Dramatikfaktor schwer auf der Strecke bleiben wird. Der GR7 oben durch die Berge ist halt doch eine andere Geschmacksrichtung. Andererseits passen die schnurgeraden Feldwege heute wunderbar zum Wetter, Musik in die Ohren, Mütze ins Gesicht, Kilometer machen. Jegliche weitere Pausen schenke ich mir, viel zu naß, viel zu windig. Und mit 9 Grad ist heute auch garantiert nix mehr mit kurzen Hosen.

Vorne Wüste, hinten Almansa.
Almansa kommt in Sicht, irgendwo da hinten im Dunst. Vorne die Bahnstrecke, dahinter die Autobahn, dann eine Burg und eine Stadt, die sich ziemlich weit im Tal ausdehnt. Häßliche Gärten, wilde Müllhalden, Schrottplätze. Kurz vor der Brücke über der Autobahn steht mitten im Nirgendwo ein leicht klappriger Peugeot von der Guardia Civil mit laufendem Motor, die beiden Beamten brauchen offensichtlich eine kleine Auszeit vom stressigen Alltag in der Stadt. Ich kann ihnen beim Näherkommen durch die Windschutzscheibe dabei zugucken, wie sie darüber diskutieren, ob sie mich kontrollieren wollen. Der Jüngere will, hat schon seine Mütze in der Hand, der Ältere wiegelt ab. Ist ja auch naß und ungemütlich draußen.

Ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen, wandere durch die zugige Peripherie der Stadt zu meinem Hotel, idyllisch neben der Autobahnausfahrt gelegen. Weil niemand an der Rezeption ist, mache ich statt dessen Faxen mit den verspiegelten Glasfenstern den Hoteleingangs, nur um zwei Minuten später schmunzelnd von der jungen Dame begrüßt zu werden, indem sie überraschend die Tür öffnet. Mein Zimmerfenster guckt genau auf die Tankstelle vor dem Haus (meint: das Dach der Tankstelle nimmt die Hälfte meiner Aussicht ein). Aber das hört sich alles nur schlimm an, ich bin total zufrieden. Badewanne, die Kälte des Tages vertreiben. Supermarkt gleich gegenüber. Endlich (endlich!) mal wieder ordentliches Internet, um die Unterkünfte der letzten Tage zu buchen. 

Ich liebe Autobahnhotels!


Freitag, 6. Dezember 2019

Tag 40: Erster Advent in kurzen Hosen.

Cofrentes kann auch hübsch: Die alte Brücke.
Sonntag, 01.12.2019
40. Wandertag
Cofrentes nach Ayora
7,25h (inkl. Pausen) / 27km
694m rauf / 469m runter

Cofrentes und ich haben uns am Morgen nicht viel zu sagen... Ich ziehe hungrig durch die Straßen, natürlich hat am Sonntag alles zu, auch keine gnädige Panaderia ist in Sicht.

Eigentlich will ich mich auch gar nicht lange aufhalten, zum Start der Etappe muß ich erstmal eine halbe Stunde auf der Nationalstraße 330 laufen, weil es zwischen Kernkraftwerk und Berg keine anderen Wege gibt. Auf der Karte gäbe es einen Weg auf der anderen Seite des Flusses, aber auf der gleiche Karte sieht es schwer danach aus, daß derselbe Weg quasi mitten durch das Kraftwerksgelände führt. Und ich würde meinen Arsch darauf verwetten, daß ich da schneller vor einem Zaun stehe, als ich "Empanadilla" sagen kann. Und zwar vor einem Zaun, über den ich nicht drüberklettern kann oder will.


Die ehemalige N-330: entspanntes Wandern.
Also mogele ich mich so gut es geht an den Rändern von Cofrentes vorbei, gehe auf der aufgerissenen Fahrbahn der alten/ehemaligen N-330 an einem Zaun entlang, der mich von der neuen/lebendigen N-330 trennt. Auf Google Street View hatte ich schon gesehen, daß der Zaun irgendwann endet - das tut er auch brav, nach einer kleinen Kletterpartie über diverse Leitplanken stehe ich auf der Straße und tue so, als wäre das mein Standard-Spazierweg. Die Autos sind allerdings ganz klar anderer Meinung, nämlich daß ich hier nicht hingehöre. Ich kriege trotz wenig Verkehr am Sonntagmorgen mehr als nur ein Hupen ab und entsprechend froh bin ich, als ich über die nächste Leitplanke klettern kann. Wieder zurück auf die ehemalige Trasse der N-330, die nicht mehr benutzt wird, seit die neue Straße durch das Tal nebenan gebaut wurde.

Hinter den Leitplanken bin ich wieder in meiner Komfortzone. Ich laufe durch ein leeres Tal, das sichtlich die Stille genießt, seit die N-330 hier nicht mehr durchrauscht. Dabei betrachte ich aus Versehen den Hintern eines älteren Herrens, der zwischen zwei Olivenbäumen eine Stretchingpause vom Joggen einlegt. (Er stand so zwischen den Bäumen versteckt, daß ich ihn vorher überhaupt nicht gesehen hatte. Der Blick auf den Hintern war natürlich nur reflexhaft, da gab es nichts Interessantes zu sehen. Ohne daß er mich entdeckt hätte, bin ich quasi von mir selbst ertappt weitergelaufen...)

Oben auf dem Gipfel: Das Castillo von Jalance.
Das erste Dorf Jalance hat offensichtlich einen Hang zu kräftigen Farben. Die Hauptstraße ist bunter und farbenfroher als fast alle Dörfer, die ich in Spanien bisher gesehen habe. Trotzdem ist am Sonntagvormittag natürlich tote Hose, selbst die einzige geöffnete Bar hat nur einen einzigen Stuhl auf den Gehweg rausgestellt, eher ein Signal "Wir haben geöffnet!" denn eine ernstgemeinte Einladung, sich da hinzusetzen. Neben dem Friedhof gibt es ein paar schöne Bänke in der Sonne, die ich zur Frühstückspause nutze - der Rucksack gibt immer genug Futter her. Irgendwo ganz unten im Proviantbeutel müssten noch 5 oder 6 Snickers rumfliegen, die ich tatsächlich seit Tag 1 mit mir rumschleppe. War mal als "Eiserne Reserve" gedacht, aber eine Proviant-Notreserve ist in Spanien eigentlich so unnötig wie ein Kropf. Schließlich kommt man selbst mit leerem Rucksack fast in jedem Dorf an einer Bar vorbei. Und da geht immer was.

Auch hinter Jalance geht noch was, kurz bevor ich die N-330 mal wieder überquere, gähnt unerwarteterweise eine Tankstelle in der Mittagssonne. Der Tankwart und seine Freundin sitzen auf Plastikstühlen hinter dem Shop in der Sonne und warten auf Kundschaft. Ich kaufe unter seinen mißtrauischen Augen ein paar Getränke und mache mich auf in die Wüste, die gleich auf der anderen Straßenseite beginnt.



Und in der Wüste verlaufe ich mich relativ schnell. Das was ich hier Wüste nenne, ist eigentlich ein sehr breites Tal, in dem eine Unzahl von kleinen Hügeln und Buckeln dafür sorgt, daß die Landschaft vollkommen unübersichtlich wird. Vor allem, wenn du mittendrin stehst. Ich muß irgendwo einen Abzweig verpaßt haben ohne es zu merken, denn irgendwann geht die Piste zwischen den ganzen kleinen Sandhügeln in eine gänzliche falsche Richtung. Wie immer bin ich zu stolz, einfach den gleichen Weg zurück zu laufen und bestehe statt dessen darauf, querfeldein wieder auf die richtige Spur zu kommen. Dabei verfranse ich mich gleich nochmal, beim 3. Anlauf klappt es dann - der Weg geht nicht unten zwischen den Hügeln entlang sondern hoch über dem Tal am Hang, von wo aus alles so schön übersichtlich aussieht.

In Jarafuel ist noch ganz klar goldener Herbst.

Nach dem nächsten Dorf Jarafuel geht es für den Rest des Tages auf Asphalt- und Schotterpisten weiter zum Ziel. Ich hatte bei der Planung eigentlich schon seufzend gedacht "Naja, dann läuft du halt die letzten 10km auf der Straße...", aber zu meiner Überraschung sehe ich auf dieser Strecke kein einziges Auto - und mehr Rumpelwege als Asphalt.

Der Nachmittag ist mit 19 Grad wieder richtig warm geworden, bei dem Gedanken an den heutigen 1. Advent muß ich gehörig schmunzeln. Also mache ich nochmal ausgiebig Pause in der Nachmittagssonne, bevor ich die etzten Kilometern durch die Gärten vor Ayora wandere. Dort ist überall Betrieb, das schöne Wetter hat alle am Wochenende nochmal aufs Gartengrundstück gelockt.



Meine Übernachtung für heute ist ein Restaurant an der Ausfallstraße nach Norden, das auch Zimmer vermietet. Als ich dort ankomme, ist gerade eine riesige Familienfeier im Gange. Alle schick angezogen, alle kennen sich. Ich fühle mich mit meinem Rucksack mehr als fehl am Platz. Aber der Chef nimmt sich erstaunlicherweise trotz all dem Trubel alle Zeit der Welt, um mir das Zimmer im Haus gegenüber zu zeigen, zwischendurch rutschen ihm dabei sogar ein paar deutsche Sätze raus. Da werde ich wohl morgen früh nochmal nachhaken müssen.

Das Restaurant ist heute Abend leider geschlossen wegen Sonntag. Beim Durchsuchen der Altstadt nach etwas Essbarem laufe ich reihenweise an geschlossenen Restaurants und Bars vorbei -- und entscheide mich plötzlich für einem Döner. Die Jungs hinter dem Tresen tragen T-Shirts mit dem Aufdruck einer deutschen Dönerproduktion, die gesamte Jugend von Ayora scheint hier ein und aus zu gehen und die Speisekarte ist die gleiche wie in Berlin. Genau das war der entscheidende Grund für die Dönerparty heute Abend: leichtes Heimweh. Ich trage die selbe Knistertüte mit derselben Alufolienkugel nach Hause, wie man es auch in Berlin machen würde; und für einen Moment fühle ich mich ein Stück weit zu Hause.

Donnerstag, 5. Dezember 2019

Tag 39: From Dawn Till Dusk.

Samstag, 30.11.2019
39. Wandertag
Requena nach Cofrentes
10h / 40km
659m rauf / 922m runter

Aufstehen ist heute Morgen eine echt Disziplinübung. Ich habe eine fette Strecke vor mir, der Wecker rödelt um 0630 Uhr, damit ich noch vor Sonnenaufgang in die Gänge komme. Nach dem gestrigen "Waschabend" sammle ich alle meine Klamotten wieder zusammen, die quer durch Zimmer und Bad auf allen möglichen Ecken aufgehängt sind, trage die Fernbedienung wieder runter zur Rezeption und bin raus. Draußen in den Straßen ist es stockduster, die Straßenlampen sind aus. Nur in der kleinen Panaderia nebenan ist Licht, das auf die kleine dunkle Gasse scheint. Drinnen ist es feuchtwarm, es gibt superfrisches Brot und Teilchen. Guter Start.

Am Stadtrand überholen mich zwei Mountainbiker, wir grüßen uns freundlich und sind offenbar alle drei stolz, daß wir es schon so früh aus den Federn geschafft haben. Außer uns dreien sind auch schon die Hunde der umliegenden Gärten und Schuppen wach, die die Kunde meiner Durchreise wie eine Flüsterpost von Grundstück zu Grundstück weiterreichen.

Durch die kleinen Hügel mit Weinreben ziehe ich Richtung Süden, auf einem schmalen Pfad, den es auf der Karte gar nicht gibt. Durch ein Wäldchen, an einer Ruine vorbei - auf die Straße. Wandern auf Asphalt wird heute leider immer wieder Thema sein, wenigstens ist hier so früh am Morgen noch Null Verkehr.

 
Die Sonne kommt raus und verdrängt relativ bald die morgendlichen Wolken. Es wird ein richtig schöner Vormittag und ungefähr zwei Stunden nach meinem frühen Start werfe ich das erste Mal den Rucksack zur Frühstückspause ab. Herrliche Croissants, würzige Wurst-Teigmantel-Teilchen, Orangensaft, ein paar Pistazien zum Knabbern. Das ist die sonnige Seite der schlechten Angewohnheit, mit der ich gestern Abend im Supermarkt mal wieder viel zu viel eingekauft habe. Die Anzahl der Pausen für heute habe ich mir übrigend streng eingeteilt, damit ich noch bei Tageslicht mein Ziel erreiche. Bloß nicht bummeln, sonst kommste heute nie an...



Erstes Zwischenziel ist das Dorf La Portera. Beim Daraufzulaufen nehme ich mir vor, das Dorf total öde und tot zu finden, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Bar im Centro Social hat offensichtlich den Grill angeworfen (so riecht es zumindest) und vor der Tür stauen sich deswegen die Autos und Rollatoren. An jeder Ecke steht irgendjemand und unterhält sich mit Nachbarn, am Ende des Dorfes macht eine Künstlerin mit jungem Stadtvolk gerade vor dem Atelier Fotos von ihren Gemälden. Und trotz gegensätzlicher Vorurteile verlasse ich La Portera mit einem Lächeln mehr auf den Lippen, als ich es eigentlich vorgehabt hatte.

La Portera. Die einzige Seitenstraße, in der nix los war.
Hinter dem Dorf laufe ich an einer rumänischen Arbeiterrotte vorbei, die auf dem Feld die Weinreben zurückschneidet, die Chefin schnorrt mich aus der Entfernung um Zigaretten an, ich mache entschuldigende Gesten und sie ist gut aufgelegt, wiederholt meine Geste und winkt freundlich.

Ich mogele mich trotz einiger unfreundlicher Schilder durch die Hügel des Weinguts, auch als ich am Haupthaus vorbeikomme, scheint mich niemand zu bemerken. Das wäre heute auch echt nicht mehr drin: Noch irgendwelche Umwege laufen, nur weil jemand nicht damit einverstanden ist, daß ich über sein Land laufe...
Als ich der Nationalstraße 330 wieder näher komme, kündigt sich selbige durch reichlich Lärm an. Aus der Entfernung sehe ich diverse scharfe Autos mit Geschwindigkeiten und Geräuschkulissen weit jenseits aller europäischen Vorschriften. Kombiniere: irgendeine Rallye-Verbindungsetappe? Ich kann nicht genau erkennen, welche Aufschriften die Fahrzeuge tragen, aber es ist eine bunte Mischung. Von aktuellen Porsche 911ern über breite Minis bis zum alten Ford Capris ist alles dabei. Ich lausche und genieße...


Auch durch das nächste Dorf Los Pedrones gleite ich einfach hindurch. Im mittäglichen Herbstlicht sitzen zwei ältere Damen unter einem Baum mit knallgelben Blättern und rauchen. Ein seltsam beruhigender Anblick. Zwei Reiseradler überholen mich und klingeln dabei zur Begrüßung, wir sehen uns nach dem Dorf nochmal kurz quer übers Feld, als unsere Wege sich wieder trennen, und winken zum Abschied.

Weiter, immer weiter. Einen 40km-Tag schaffe ich nur, wenn ich die Zügel straffhalte. Soviel weiß ich... Am Nachmittag treffe ich wieder auf die Nationalstraße 330, die hier eine beeindruckende Kurve macht, um danach runter ins Tal von Cofrentes zu führen. Bis hierhin waren es 30 oder 31km, das hätte eigentlich für ein Tagespensum ausgereicht. Aber vor mir liegen noch 10km, und die nenne ich jetzt einfach mal euphemistisch: Endspurt.

Da hinten bei den Kühltürmen: Cofrentes.


Von der Kurve aus kann ich zum ersten Mal den Star des heutigen Tages sehen: Das Kernkraftwerk von Cofrentes. Ich bin nachgerade empört, als ich feststelle, daß die Kühltürme nicht qualmen und hier offensichtlich keine sweet sweet nuclear energy erzeugt wird. Werden die vielen Windräder auf den Bergen ringsum das etwa übernommen haben? Ich gucke mich noch ein bißchen an den grünen Hügeln und blauen Horizonten satt und mache mich an den Abstieg.

Nach all den breiten Feldwegen und kleinen Asphaltstraßen, auf denen ich bisher gelaufen bin, ist die Piste durch den Wald tatsächlich eine angenehme Abwechslung. Schatten, der würzige Duft des Waldbodens und der Bäume - da schockt mich auch der Zaun nicht, der plötzlich vor mir auftaucht. Das Tor kann man aufpfriemeln, dann komme ich da durch. Eine Viertelstunde später merke ich, daß ich mir damit offenbar Zutritt zu einer Obstplantage verschafft habe, aber heute gilt immer noch: Es werden keine Gefangenen Umwege gemacht. Auf der Karte sehe ich keine Wegalternativen, also muß ich einfach hier lang. Daran ändert sich auch nichts, als ich die Zäune 2 und 3 überqueren darf, unglücklicherweise in Sichtweite des Obsthofes. Aber keiner guckt, und als ich 20 Minuten später Zaun 4 überquert habe, weiß ich, daß ich wieder "draußen" bin. Vor allem deswegen, weil der bis eben noch gut benutzte Feldweg sich sehr plötzlich zwischen Büschen und Bäumen verläuft und ich mitten im Unterholz stehe.

Bäm. Das wars mit dem gemütlichen Feldweg...
Die nächste Stunde tanze ich mit den dornigen und stacheligen Büschen, aber irgendwie findet sich immer ein Trampelpfad, der in die richtige Richtung führt. Beim Abstieg komme ich an farbigen Klippen vorbei, die von der Erosion wunderschön geformt wurden und sich trotz ihrer Schönheit ganz unschuldig im weglosen Wald verstecken.


Die Trampelpfade finden die erste Fahrspur, die wird zur Piste, mündet dann in die Straße. Die letzte Stunde Abstieg bis Cofrentes absolviere ich im goldenen Licht der Sonne, die schonmal vorsorglich hinter den Bergen verschwinden will. Auf der gegenüberliegenden Talseite ragen schroffe Felsformationen in den Himmel, ich entdecke ganz oben eine abgefahrene Felsenbrücke, durch die hindurch man den Himmel wieder sehen kann. Keine Ahnung, wieviele Jahre das noch halten wird, bevor Wind und Wetter das Gestein durchgenagt haben...

Oben in der Mitte, leicht rechts: Ein Schaufenster.
Unten am Stausee haben sich schon ein paar verirrte Wohnmobilisten für die Nacht bereit gemacht. Im Vergleich zum fast sommerlichen Nachmittag (19 Grad) ist es plötzlich empfindlich kalt, ich schenke mir die letzte kleine Pause, die ich mir eigentlich zugestanden hätte, und will lieber ankommen.

Nette Nachbarn.
Auf dem Mirador von Cofrentes lauert/lungert die Jugend und vertreibt sich den Samstagabend, ich finde in dem Gewirr aus kleinen Gassen und Plätzen erst auf den 2. Versuch meine Casa Rural. Mir öffnet Senor Salud (zu deutsch: "Herr Gesundheit" oder, wenn man eine Ulknudel ist, auch "Herr Prost"). Der heißt wirklich so und zeigt mir voller Ernst erstmal das ganze Haus. Von der Dachterrasse sehe ich erst, wie nah Cofrentes eigentlich wirklich an diesem Kernkraftwerk dran ist.  Monsieur Salud bestätigt mir, daß das Ding geschlossen sei; dank Sprachbarriere verstehe ich aber nicht, seit wann eigentlich.

Der Tag ging gut auf die Knochen. Nach der üblichen Choreographie aus Ankommen-Duschen-Hinlegen komme ich dank fehlender Motivation nicht wieder aus dem Bett und bleibe einfach liegen. Abendessen? Jaja, vielleicht morgen. Ich hätte ja im Rucksack neben dem Bett noch einiges an Proviant, aber noch nicht mal das reizt mich wirklich. Größter Vorteil daran, schon um 2100 Uhr schlafen zu gehen: Man hat mehr von der Nacht. Bonne nuitée!

Mittwoch, 4. Dezember 2019

Tag 38: Der gefürchtete Zaun.

Chera! Wieso kümmert sich niemand um diesem Fiat 600?!
Freitag, 29.11.2019
38. Wandertag
Chera nach Requena
6h (inkl. Pausen) / 24km
506m rauf / 459m runter

Chera. Geil ist anders.

Frühstück ist in der Albergue nicht, also raus auf die Straße. Panaderia auschecken. Immerhin: Gute Auswahl, es gibt Pizzastücke und Empanadas, gefüllt mit Pilzen, Paprika und Tomate. Endlich mal was ohne Thunfisch... Der kleine Lebensmittelladen hat tatsächlich geöffnet, als ich den kantigen Typen hinter dem Tresen sehe, weiß ich auch, warum der Laden gestern am frühen Abend geschlossen war. Der Herr saß in der Bar am Nebentisch und hat Karten gespielt. Das Warenangebot ist genauso trostlos und lückenhaft wie die Beleuchtung des Ladens, ich kaufe mir noch eine Fanta Limón und muß dringend aus diesem Dorf raus.


Die Bewölkung von gestern Abend hat sich gehalten, einige der Gipfel ringsum sind heute früh vollkommen in Wolken gehüllt. Ich finde das nur gerecht, schließlich habe ich in den letzten Tagen genug mit dem für diese Jahreszeit viel zu warmen und viel zu sonnigen Wetter angegeben.

Heute wartet eine besondere Etappe auf mich. Ich habe viele Stunden in die Recherche investiert, wie dieser Tag funktionieren könnte. Das Problem: In den Bergen oberhalb von Chera gibt es eine Art "Jagd-Reservat", das aber eigentlich ein riesiges Privatjagdgebiet für wohlhabende touristische Jagdausflügler ist. Zahlreiche Wanderer auf dem GR7 haben von weitläufigen Zäunen und Stahlverhauen berichtet, die sie überklettern mussten, begleitet von drohenden Schildern und dem deutlichen Gefühl, daß Wanderer hier nichts verloren haben. Im Netz fand ich Spuren von jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen den Grundeigentümern und den lokalen Behörden, die das Wegerecht wiederherstellen wollten. Aber Verflechtungen "um die Ecke hoch ins Königshaus" haben dazu geführt, daß die Grundbesitzer scheinbar immer noch - und das seit Jahren - dieses viele Quadratkilometer große Stück Land, das sich über mehrere Täler erstreckt, abgesperrt und eingezäunt haben. Und genau da möchte/muß ich heute durch. Einen Weg außenrum gibt es nicht, außer man möchte 22km auf der Straße laufen. Möchte ich nicht.


Aber bevor es ernst wird, gibt's erstmal was für's Auge. Ein weiterer dieser geilen gelben lokalen Wanderwege führt hintenrum nach El Reatillo, durch eine Schlucht, die unten an manchen Stellen nur noch 10 Meter breit ist. Der Bach mittendurch formt kleine blaue Teiche, die Pflanzen ringsum wirken seltsam tropisch und durch die Abgeschiedenheit und Unzugänglichkeit wirkt die Passage durch diesen Barranco wie eine kleine Oase im Nirgendwo. (Ich gebe zu: Mit ein bißchen Sonne hätte es besser ausgesehen.)


Aber gleich hinter der nächsten Ecke hat mich der graue Alltag wieder. El Reatillo ist eine kleine Ansammlung von Häusern, die knapp außerhalb des Jagdgebietes liegt, die einzige Zufahrtsstraße führt durch einen Verhau von 2,5m-Zäunen und Schildern. Betreten verboten! Sicherheitszonen nicht verlassen! Tor wieder schließen! Privat-Jagdgebiet! Gefahr durch starke Jagdaktivitäten! Desinfektion beim Betreten und Verlassen obligatorisch!

Ihr könnt mich mal!

Mißmutig biege ich trotz aller Schilder auf die Asphaltpiste ein. Der gründliche Deutsche in mir hat nämlich schonmal rausgelesen, daß zumindest diese Piste bis zur Straße zwei Kilometer weiter ein "Camino Publico" ist. 

Eine Viertelstunde später fährt ein weißer Pickup an mir vorbei, auf der Tür die Aufschrift "Vigilante" (also Wächter) und daneben noch die spanische Nationalflagge draufgepappt, damit es ein bißchen offizieller aussieht. Spätestens jetzt entscheide ich mich dazu, entgegen meiner üblichen Gewohnheiten heute alle Schilder offensiv zu mißachten. Immerhin grüßt der Fahrer zurück, was allerdings trotzdem meinen einsetzenden Verfolgungswahn nicht abmindert, als ich kurz vor der Straße ins Gelände abbiege. Ich hatte mir beim Kartenstudium ausgedacht, daß ich vielleicht nicht dem GR7 folge, der eine verschlungene Route hoch in die Berge nimmt und dabei auf diverse Zäune stößt, sondern statt dessen der Piste "Rambla de Los Tocares" weiter westlich im Tal folge. Wahrscheinlich wären die Zäune auf dem GR7 kein Problem gewesen, in den letzten zwei Jahren scheinen die Grundbesitzer nach den öffentlichen Diskussionen zumindest Durchlässe für die Wanderer gebaut zu haben. Das Gefühl, dort nicht willkommen zu sein, bleibt allerdings.

Ich mogele mich also am Rand des Jagdgebietes auf einer Piste durchs Tal, man sieht zumindest an den Spuren auf dem Boden, daß hier keine Autos fahren und die Piste nicht oder nur ganz selten benutzt wird. Außerdem bin ich ziemlich froh, daß ich es so einrichten konnte, daß ich hier nicht an einem Wochenende durchlaufe, im November ist schließlich noch so richtig Jagdsaison und die zahlenden Gäste kommen sicher am liebsten am Wochenende.

Innerhalb des Jagdzoos sieht es eigentlich nicht viel...
...anders aus als außerhalb.
Nach einer Stunde stehe ich am nächsten Zaun und sacke schon innerlich zusammen - aber ich habe Glück. Die Tür im Zaun hat zwar ein Vorhängeschloß, das aber nicht abgeschlossen ist, also schlüpfe ich durch die Absperrung und bin wieder draußen. Ohne, daß ich irgendwo drüberklettern musste. Das wäre auch sicher weder mir noch dem Zaun gut bekommen. Einerseits bin ich froh, daß ich aus diesem Jagdzoo wieder raus bin, andererseits frage ich mich: Und deswegen hast du dir so viele Gedanken gemacht?

Eine knappe Stunde später treffe ich den GR7 wieder, der aus den Bergen östlich von mir herunter kommt, aber schon eine halbe Stunde später trennen wir uns erneut. Diesmal für länger. Der GR7 nimmt eine Route über El Rebollar und dann südlich in die Berge, durch Cortes de Pallas und noch mehr Berge bis Vallada. Das wären ca. 2-3 Übernachtungen im Zelt, die für mich ja jetzt nicht mehr in Frage kommen, seit ich meinen Campingkram nach Hause geschickt habe. Und auf ausgedehnte Taxifahren zwischen irgendwelchen Bergpisten im Nirgendwo und dem nächsten Zipfelchen Zivilisation verzichte ich auch gerne. Es würde ja sowieso schon daran scheitern, einem Taxifahrer am Telefon auf Spanisch zu erklären, wo genau er mich abholen soll. Vorausgesetzt, ich hätte überhaupt Empfang... Also habe ich mir statt dessen selber eine Route gezimmert, weiter westlich über Requena - Cofrentes - Ayora - Almansa. Mit Sicherheit deutlich weniger dramatisch, aber das ist mir inzwischen gar nicht mehr so wichtig. Ich will vorankommen!


Also heute nach Requena. Oben auf der Hochebene wird die Erde rot und die Weinreben übernehmen von den sonst vorherrschenden Olivenbäumen. Ich kaue kurz auf der Theorie rum, daß hier mit der Farbe des Bodens auch die angebauten Feldfrüchte wechseln, aber eigentlich habe ich davon keine Ahnung.


Die Annäherung an Requena bringt auf jeden Fall schonmal Infrastruktur in Form der Schnellfahrstrecke der Eisenbahnlinie von Madrid nach Valencia. Irgendwo wartet bestimmt auch noch ne Autobahn auf mich. Aber erstmal zuckele ich hoch auf den nächsten Hügel, der von einer gelben Turmruine geziert wird: Der "Telégrafo de la Atalayuela". Das Ding ist Teil einer Linie von optischen Telegrafen, die Mitte des 19. Jahrhunderts zum Nachrichtenaustausch auf der Strecke Madrid - Valencia - Barcelona benutzt wurden. Ich kann mir keinen schöneren Job vorstellen, als den ganzen Tag in einem der vielen Fenster des Telégrafo zu stehen, und zu winken. (Gut, ich hätte auch die Infotafel an der Kreuzung übersetzen können, um zu erfahren, wie das damals genau funktioniert hat, aber ich war zu faul...)

Der Telegrafenberg gibt mir nebenbei gleich noch den ersten Ausblick auf Requena, mit 20.000 Einwohnern eine gefühlte Metropole! Häßliche Neubaugebiete, wenig überraschend natürlich auch eine Autobahn, aber immerhin auch eine schöne verwinkelte Altstadt mit einer prächtigen Allee als Flaniermeile mittendurch. Ich nutze den restlichen Nachmittag für die Planung der kommenden Tage und als ich Abends nochmal zum Supermarkt übergehe, ist die Stadt wie verwandelt. Überall Menschen, auf der Straße, in den Cafés, als wäre es eine Nacht im Hochsommer, in der die Hitze des Tages noch nachglüht. Ich bin stelle mir nur ungerührt den Wecker für morgen früh, es wartet eine Etappe weit jenseits der 30km auf mich und ich brauche einen frühen Start.