Sonntag, 27. Oktober 2019

Tag 6: Wetterbericht für heute = 8h Regen.

Dienstag, 22.10.2019
6. Wandertag
Ekay-Longida nach Lumbier
5,75h (heute mal ohne Pause) / 24km 
359m hoch / 387m runter

Start in einen grauen Tag, kühl und windig. Wenigstens regnet es nicht. Das ist nur deswegen erwähnenswert, weil ich gestern Abend mit der Wettervorhersage für heute ins Bett gegangen bin, daß es mehr oder weniger den ganzen Tag regnen soll. So lockere 8h lang. Mit einem tiefen Seufzer "Naja, dann ist das halt so..." bin ich eingeschlafen, daher ist ein trockenes Grau in Grau am Morgen eigentlich eine positive Überraschung.

 

Ich laufe los und kann direkt gegenüber von meinem Dorfhotel auf einem kleinen Feldweg das Tal durchqueren, rüber bis zum Fuß des Höhenzug im Süden, auf dem ich heute entlanglaufen will. Quer über das Gelände einer verfallenen Fabrik, vorbei an einem Wasserwerk und an ein paar verstreut auf dem Feld liegenden Pferdeställen. Navarra scheint Pferdeland zu sein, zumindest nach dem ersten flüchtigen Eindruck der letzten Tage.

Ich kann den Weg, dem ich heute den Großteil des Tages folgen werde, schon auf halber Höhe am Hang sehen. Um da hin zu kommen, muß ich allerdings noch über den Fluß, der Schotterweg zur einzigen Brücke weit und breit hat eine Kette gespannt und die üblichen Schilder aufgestellt ("Camino particular", also Privatweg), aber das ist auf jeden Fall einer der Momente, in denen ich kein Spanisch spreche, über die Kette steige und mich still und heimlich am nächsten Bauernhof vorbeidrücke, um den Fluß zu überbrücken.

Gleich nach der Brücke verliert der breite Schotterweg deutlich an Kraft und wird zu einer vergessenen Fahrspur, die wahlweise überwuchert oder verschlammt ist. Aber sie bringt mich nach oben zu dem Querweg, den ich erreichen wollte. Überraschenderweise erwartet mich dort nicht eine breite Forstpiste, wie ich sie von der Karte und vom Tal aus betrachtet erwartet hätte, sondern ein mehr oder weniger breiter Pfad. Mal könnte man mit einem Auto darauf fahren, an anderen Stellen fehlen durch Erdrutsche ganze Teile des Hanges, und manchmal wird der Pfad zu einem schmalen Spießrutenlaufen zwischen boshaftem Gestrüpp aus Stacheln und Dornen. Es tröpfelt ab und zu ein bißchen, aber Regen kann man das nicht nennen.


Nach ein paar Stunden endet die Bergetappe und der Weg führt mich runter ins nächste Dorf (Grez), kein Mensch auf der Straße zu sehen, die bellenden Hunde sind wie immer das einzige Lebenszeichen. Hinter dem Dorf geht es für die letzten Kilometer zwischen Feldern bis nach Lumbier, optisch das glatte Gegenteil der ersten Hälfte der heutigen Etappe. Passend dazu beginnt der Regen, diesmal wirklich. Ich rüste mich für ezwei windige Stunden, hole die Jacke aus dem Rucksack und knipse mir Musik ins Ohr. Eine Runde finnische Foxtrott-Schlager darf es heute sein. Erstens ist damit die trostlose Wetterlage besser zu ignorieren, zweitens hört man den Regen durch die Musik nicht mehr so doll.


Im nächsten Dorf (San Vicente) mache ich dann doch nochmal Pause, setze mich im Regen auf die Picknickbank auf dem Dorfplatz, leere und binde meine Stiefel neu. Das wär's dann mit Pause für heute. 5 Minuten. Die letzten zwei Stunden im Regen, mein neues Hightech-Outdoor-Must-Have (ein Regenschirm...) leistet mir vorzügliche Dienste und hält zusammen mit der finnischen Mucke die Stimmung.

Kurz vor meinem Einlauf in Lumbier fallen mir fast die Augen aus dem Kopf, weil ich von Weitem am Wegesrand eine Art Picknickanlage entdecke, mit Bänken und Dach. Auch wenn ich nur noch eine halbe Stunde Weg habe, würde ich dort aus Prinzip Pause machen. Aber das Ganze ist nur ein vernachlässigter/aufgegebener Schaugarten der ortsansässigen Gärtnerei, das Dach ist nur ein schattenspendendes Netz und die Picknickbänke naß wie ich selbst. Also keine Pause, statt dessen Endspurt.

 

In meinem Zimmer unter dem Dach werfe ich mich erstmal unter die Dusche und dann für ein Nickerchen ins Bett, weil ich so früh am Nachmittag angekommen bin. Als ich wieder aufwache, schüttet es draußen wie aus Kübeln und bin sehr zufrieden mit diesem Tag. Mit dem bißchen Regen bin ich wahrscheinlich sehr glimpflich davongekommen, umso glücklicher höre ich dem Brausen und Tosen draußen zu, während ich noch ein bißchen im Bett liegen bleibe. Herrlich.

Samstag, 26. Oktober 2019

Tag 5: Auf Kammwegen mit Aussicht nach links und recht.

Montag, 21.10.2019
5. Wandertag
Pamplona nach Ekay-Longida
9,5h (mit Pausen) / 28km 
882m hoch / 843m runter

Draußen: Arschkalt. 7 Grad am Morgen. Die Berge, durch die ich heute wandern werde, sind noch von Wolken verhüllt. Aber ich bin trotzdem zufrieden, denn die Sonne ist immerhin auch zu sehen. Ich kann das insbesondere deswegen wertschätzen, weil der Wetterbericht für morgen schonmal 8h Regen angesagt hat.

Um 0900 Uhr macht der Supermarkt gegenüber von meinem Hotel auf, ich kaufe noch schnell ein paar Pflaster und tape meine Füße. Die ersten Schritte in den Stiefeln sind eher wackelig, als hätte ich Muskelkater und diverse Stellen schmerzen auf Anhieb. Aber was soll das Gejammere. Raus aus der Stadt, Richtung Südosten. Durch Parks und Neubaugebiete, danach noch mehr Neubaugebiete, entlang einer Art Fußgängerzone, die sich fast 2km geradeaus zwischen Wohnblocks bis zum Stadtrand zieht. Standrand ist hier - wie in Hellersdorf - der abrupte Wechsel zwischen Wohnsiedlung und Feld.

Das Feld überquere ich auf einem schlammigen Trampelpfad, 10 Minuten weiter riecht es schon wieder nach Bauernhof und Schweinezucht. Ich klettere stetig die Flanke einer Bergkette hinauf, die sich östlich von Pamplona in leichtem Bogen ins Land zieht.


Der Aufstieg ist steil, matschig und rutschig; ich schwitze, fluche, rutsche, gucke, verschnaufe. Irgendwann schluckt mich der Wald, der hier oben wächst, so daß mich die Hunde im nächsten Dorf da unten nicht mehr sehen können und endlich Ruhe geben. Der Weg führt stur über die Bergkämme hinweg und nimmt alle Auf- und Abstiege mit. Das macht er natürlich extra, fluche ich unter keuchendem Atem: Wenn man denkt, man wäre oben, geht der Weg einfach hinter dem nächsten Zwischengipfel mal wieder bergab, damit man gleich danach die verlorenen Höhenmeter wieder hochsteigen darf. Aber die Aussicht in die Täler links und rechts mit ihren endlosen leeren Feldern ist großartig ist, also bin ich versöhnt.


Mittagspause mit der Nase in der Sonne und im Wind an einer Art Jagdhütte, hier oben steht alle 100m irgendein Verschlag, den sich irgendwer da hingezimmert hat. Teilweise ufert das aus in hohe Türme, die weit über die Baumkronen hinausreichen. Jetzt passt auch zusammen, warum mir am Vormittag auf dieser Schotterpiste immer wieder forstaffine Autos mit einzelnen älteren Herren entgegen gekommen sind.


Der Weg wird schmaler und aus der Schotterpiste wird ein schmaler Pfad mit vielen steilen Stellen zum Kraxeln. Der Blick auf die Karte verrät mir, daß ich heute durch die vielen Anstiege und die Kraxeleien nur langsam vorankomme, eigentlich viel zu langsam. Gefühlt habe ich deutlich weniger Pause gemacht als mir lieb ist und wenn ich die restliche Strecke überschlage, komme ich vor 1800 sicherlich nicht an. Dazu kommt noch, daß am Himmel langsam Wolken und einzelne Gewitter aufziehen. Bei meinem letzten Zwischenziel vor dem Abstieg, der Ermita de San Miguel überlege ich ernsthaft, ob ich in dem kleinen offenen Schutzraum neben der Kapelle übernachten soll. Einerseits bin ich schon mächtig k.o., andererseits könnte ich mir dann die nächsten zwei Stunden Straßenetappe schenken. Aber ich habe keinen Tropfen Wasser mehr, meine gesamten 4,5 Liter sind schon ausgetrunken. Also ignoriere ich die ersten Regentropfen, ziehe mir nach nur 10min Pause die Stiefel wieder an und mache mich an den Abstieg.


Die letzten zwei Stunden sind selbstgewähltes Elend auf der Straße. Im ersten Dorf nach dem Abstieg konnte ich wenigstens noch meine Wasserflasche wieder auffüllen, aber zum Übernachten gab's da nix. Also zuckele ich 6km weiter auf der Straße, dort lockt ein Dorfhotel den müden Wanderer an. Ne fette Straßenetappe am Ende eines solch langen und harten Tages macht natürlich keinen Spaß. Aber ich freue mich trotzdem, daß ich so gut durchgehalten habe, auch wenn ich die heutige Strecke vollkommen unterschätzt hatte.

Das Dorfhotel an der Landstraße entpuppt sich später als ausgesprochen familiär und freundlich, das Abendessen ist der Knaller und wie schon letztes Jahr schmeckt mir die Vorspeise besser als der Hauptgang. Ich spüle mit zwei Bier nach und werfe mich noch in eine späte Badewanne, bis mir fast die Augen zufallen...

Freitag, 25. Oktober 2019

Geständnis eines kulturellen Verbrechens.

Pamplona am Sonntag ist eine ganz andere Welt. Nicht nur ist es plötzlich mit 12 Grad und eher Regen nicht mehr schön sondern ungemütlich herbstlich, natürlich sind auch die Läden dicht und nur noch ein Drittel der Menschen in der Stadt unterwegs. Also eigentlich: Ganz geil!

Ich habe mich die meiste Zeit des Tages allerdings nur im Bett rumgetrieben und meine wunden Stellen an den Füßen bejammert, wie man das halt als Selbstmitleidswurst so macht. Gegen 1800 Uhr habe ich mich dann gezwungen, doch nochmal rauszugehen, um wenigstens einen kleinen Spaziergang und ein paar Pflichtfotos zu machen. Laufen ging eigentlich ganz gut, dafür hat mich das schlechte Gewissen wie ein Dampfhammer getroffen. Ich habe eine richtig schicke Stadt verpasst. Ich würde sie "Stadt der Balkone" nennen. Der kleinste Spaziergang läßt schon erahnen: Hier gibt es richtig viel zu sehen und zu erleben. Wer Bock hat, eine Altstadt zu erkunden, in der uralte und brandneue Gebäude ineinander fließen, der ist hier genau richtig. Aber ich war statt dessen nur mit mir selbst beschäftigt, was mir ein gutes Stück peinlich ist.

 

Insofern deklariere ich als kulturelles Verbrechen, daß ich Pamplona und seine Altstadt, seine Festung, seine Parks und überhaupt im Wesentlichen ignoriert habe. Keine Ahnung, ob ich mich bessern werde, aber morgen geht's weiter in die Landschaft.

Donnerstag, 24. Oktober 2019

Tag 4: Landschaftswechsel. Und: nach Pamplona.

Samstag, 19.10.2019
4. Wandertag
Auza nach Pamplona
8,5h (mit Pausen) / 28km 
541m hoch / 603m runter

Heute früh war ich immer noch erstaunlich geplättet von der gestrigen Etappe. Einerseits war ich echt froh, doch noch was zum Übernachten gefunden zu haben, andererseits sehe ich schon mit einem Blick auf die Karte, daß das die heutige Tour wohl doch um eine Stunde länger als geplant machen wird. Also setze ich - ganz meinem Beruf entsprechend - den Rotstift an und kürze die heutige Tour etwas ein. Umweg zur Besichtigung des Bosque de Orbi (ein alter Eichenwald)? Gestrichen, auf der Straße vorbeigelaufen. Aufstieg zum San Cristobal mit der Festung Alfonso XII. und Aussicht über Pamplona? Gestrichen, vielleicht auf morgen verschoben. Egal, am Ende der Etappe lockt Pamplona und die Aussicht auf einen Tag Pause, den ich mir für morgen ausgedacht habe.

Die Sonne setzt sich noch am Vormittag ziemlich schnell durch, während ich auf stillen Landstraßen meine Abkürzungen durchziehe. Das Glück serviert mir noch einen winzigen Laden, in dem ich mich mit frischem Brot und Getränken versorge, bevor ich endlich die Straße verlasse und in den Wald abbiege. Durch ein leeres Dorf, an Wiesen mit Schafsherden vorbei, auf einem alten Camino runter ins Tal. Während ich so auf die Uhr gucke, denke ich mir noch so "Och, und unten im Tal machste erstmal schön Pause." Und tatsächlich bekomme ich unten, gleich nachdem ich den kleinen Bach überquert habe, eine Bank serviert. Frühe Mittagspause mit frischem Brot, in einem Tunnel aus herbstlichen Bäumen.


Ich treffe zwei alte Damen mit Kinderwagen und Hundemeute beim Spazierengehen und frische meine Spanisch-Kenntnisse auf, es reicht immerhin für's Grundlegende, wenn ich mich zwinge. Der gute alte (faule) Trick, zur Not ins Französische zu wechseln, funktioniert auch immer noch ganz gut. Wir laufen ein Stück nebeneinander her, aber irgendwann sind meine Vokabeln erschöpft und ich verabschiede mich und ziehe das Tempo an, kurz bevor wir ins nächste Dorf kommen.

Nach Gascue geht mir das Herz auf. Der Weg schwingt sich durch ein offenes Tal hinauf zur Ermita de San Urbano und bietet alles, weswegen ich gerne wandere. Sonne, Wind, Aussicht, bunte Herbstfarben und das schöne melancholische Gefühl, sich aus der Zivilisation zu verabschieden, während man auf den Wald zuwandert.


Oben an der Ermita haben die ersten Grillgäste (die mich vorhin mit dem Auto überholt hatten) schon den Kamin angeworfen, aber ich bin gerade gut im Tritt und halte mich nicht weiter auf. Hinter der Kirche führt ein schmaler schlammiger Pfad hinauf zum Sattel, dahinter öffnen sich weite Täler, durch die ich heute bis Pamplona wandern werde. Die nächsten Kilometer Weg hatte ich mir nur anhand der Karte rausgesucht (was beim spanischen Mißverhältnis zwischen dem, was in der Karte eingezeichnet ist und dem, was in der Landschaft tatsächlich existiert durchaus heikel sein kann) und tatsächlich wird der Pfad ziemlich schnell ziemlich rumpelig. Ein Räuberweg, wie er im Buche steht.





Ich scheuche ein paar Wildschweine im Unterholz auf, während mein Pfad immer schmaler wird. Anfangs sehe ich noch Reifenspuren, dann nur noch eine halbwegs freigeschnittene Schneise, bis der Pfad zwischen Schlammlöchern und wucherndem Unterholz immer wieder fast verschwindet. Aber eine Stunde später stehe ich auf der nächsten Schotterpiste und freue mich darüber, daß ich nicht irgendwo im Gestrüpp gestrandet bin. Davon ermutigt lasse ich ab sofort alle Wege, die jetzt schon ins Tal (und damit runter zur unvermeidlichen Straße) führen, links liegen und versuche weiter auf kleinen Wegen bis zum Dorf Navaz zu kommen. In einem kleinen Barranco verliere ich den Pfad und stelle fest, daß ich irgendwie doch vom Weg abgekommen bin. Aber nach einem kleinen Stück zurück und einmal beherzt Abbiegen ist alles wieder im Lot und ich kann durch eine trockene Schlucht das Dorf durch die Hintertür betreten.


Hinter Navaz beginnen die Felder und später die Vororte und Gewerbegebiete von Pamplona. Ich bin inzwischen froh, daß ich die heutige Tour etwas eingekürzt habe, denn ich bin schon wieder viel mehr k.o., als ich mir das wünschen würde. Jetzt nochmal 500 Höhenmeter auf den Berg da hoch und wieder runter? Pffft, nein Danke. Ich hab sowieso noch 10km Weg vor mir und es ist schon knapp 1600 Uhr. Die letzten 2,5h Stunden verbringe ich mit Druckwandern, während Dörfer zu Wohngebieten werden, Schotterwege zu Landstraßen, eingezäunte Häuser zu Kasernen, Bauernhöfe zu Gewerbeparks, Horizont zu Traufhöhe. Mir kommen die ersten abendlichen Jogger der Stadt entgegen und ich hangele mich an Bahnlinien und Landschaftsparks in Richtung Stadtzentrum, die Scheuklappen innerlich schon längst hochgeklappt.


Freundlicherweise gibt es einen Aufzug noch in die Altstadt, oben bin ich vollkommen überfahren vom Trubel in der Fußgängerzone. So viele Menschen! Aber was habe ich erwartet, an einem Samstagabend in Pamplona. Ich bahne mir mit schmerzenden Füßen meinen Weg durch die Altstadt und fühle mich vollkommen überfordert von so viel Trubel. Was vier Tage Wandern so alles ausmachen können.

Im Hotel schäle ich mich aus den Stiefeln, sieht nicht gut aus und fühlt sich auch nicht so an. Ich habe mit inzwischen ein paar Blasen und wunde Stellen gelaufen, wie immer zu Beginn einer solchen Tour. Insofern bin ich froh über den freien Tag, den ich mir morgen gönnen werde.

Nach Pamplona geht's in den nächsten Tagen Richtung Osten durch die Landschaft, meist auf Höhenzügen über weiten Tälern, bevor ich dann grob nach Süden abbiege. Nächstes großes Zwischenziel in knapp 2 Wochen: Saragossa.

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Tag 3: Rauf, schnaufschnauf. Im Regen in die Berge.

Endlich Aussicht!
Freitag, 18.10.2019
3. Wandertag
Doneztebe/Santesteban nach Auza
7h (mit Pausen) / 25km 
872m hoch / 427m runter

Der Morgen ist erstmal goldenes Glück. Unten in der Bar ist eine Frühstücksparade aus extrem appetitlich aussehenden Bocadillos aufgebaut, die für schlappe 1,50 EUR auf meinen Teller wandern. Ich stärke mich ausführlich und weil's gerade so gut läuft, bitte ich meine Hostalwirtin, ob sie für mich mal in diesem Hotel auf der anderen Seite der Berge anrufen könnte? Mein Spanisch ist mies und mein Vertrauen darin noch viel mieser... Aber tough luck: Die Nummer des Dorfhotels, das ich im Netz gefunden hatte, scheint nicht mehr zu funktionieren. In der Casa Rural ein Dorf weiter geht nur die Maschine ans Telefon. Achselzuckend mache ich mich auf den Weg, irgendwas wird sich schon finden. Zur Not habe ich ja noch mein Zelt im Rucksack.

Embalse de Laurza: Trotz Regenwetter ziemlich trocken.
Die ersten zwei Stunden Aufstieg sind erstmal kein Lottogewinn, auf der Landstraße und auf Betonpisten bergauf. Der sanfte Nieselregen entscheidet sich irgendwann, zu einem ordentlichen Schauer zu werden, so daß ich an Tag 3 zum ersten Mal die volle Regenmontur anziehen kann. Irgendwann bin ich oben am Stausee, patschnaß vom Regen und der Mühe des Aufstiegs. Meine Kondition ist einfach scheiße. Jetzt hätte ich gerne einen schicken Platz für die Mittagspause, ich halte mich schon seit mehr als einer Stunde mit dem selbstgegebenen Versprechen auf eine ordentliche Rast weiter auf Trab.

Rund um die Embalse de Leurza gibt es freundlicherweise eine sehr nasse Picknickanlage und touristischer Infrastruktur (bestehend aus einem gebührenpflichtigen Parkplatz samt Kassiererin). Ich wähle eine Bank zwischen plätschernder Fuente und dem Klohäuschen und dezimiere meine Vorräte. Mir wird dabei ziemlich schnell ziemlich kalt, obwohl ich die nassen Klamotten gegen was Trockenes eingetauscht habe, es dürften vielleicht so um die 10 Grad sein. Immerhin hat der Regen aufgehört. Also weiter, der nächste Aufsteig wartet schon wieder. 

Die letzten paar hundert Höhenmeter hoch zum Sattel (Collado de Zumardena) sind zwar schick anzusehen, aber doch irgendwie eine Qual. Ich bin einfach nicht so stark am Berg; mein gerne wiederholtes Mantra... Oben wartet wenigstens die Gewißheit auf mich, daß es ab dem Sattel heute nur noch bergab geht.

 

Sobald ich über den Berg bin, schlägt das Wetter um. Innerhalb einer halben Stunde versucht die Sonne immer wieder, sich durch die Wolken zu drücken und schafft das schließlich auch, so daß ich irgendwann entspannt durch nasse glitzernde Buchenwälder bergab wandern kann. Der Tag zieht sich etwas, denn der Aufstieg hat mich offensichtlich mehr Kraft gekostet, als mir lieb war.

Im Kopf bin ich schon wieder bei der Frage, wo bzw. wie ich heute Abend übernachten will. Hier im Wald das Zelt aufzuschlagen, wäre zu früh, weil es die morgige Etappe nach Pamplona auf weit über 35km aufblasen würde. Unten im Tal wartet allerdings weitläufiges Landwirtschaftsland auf mich, mal sehen, ob ich da einen guten Platz für's Zelt finde. Und: mir ist naß und kalt. Eine Dusche wäre mir heute mehr als willkommen... Ob das mit den heute früh vergeblich antelefonierten Hotel was wird, bleibt schleierhaft.

Kurz vor dem zweiten Dorf schaue ich nochmal spontan aufs Handy und stoße auf eine private Zimmervermietung. Auf gut Glück klopfe ich direkt an und sage mein Sprüchlein auf, daß ich ein Zimmer suche. Die Vermieterin ist leicht überrumpelt, bedeutet mir aber, in einer halben Stunde wiederzukommen, dann sei das Zimmer fertig. Also alles geritzt. Abends sitze ich vor dem Kamin und lese noch ein bißchen, aber das hält nicht lange. Um 2130 Uhr ist Bettzeit, ich bin von diesem Tag irgendwie schwer gerädert.

Freundlich und spontan: "Arburu" in Auza

Dienstag, 22. Oktober 2019

Tag 2: Weiter auf der Bahnstrecke, diesmal schwer sonnig!

Nasses Lesaka mit "Innenstadtburg"
Donnerstag, 17.10.2019
2. Wandertag
Lesaka nach
Doneztebe (baskisch) / Santesteban (spanisch)
5,5h (mit Pausen) / 24km 
300m hoch / 276m runter

Samesame wie gestern, danketschüß, gute Nacht!

Der Morgen beginnt mit einem klaren "Hrmpf!", als ich mich frage, wieso es um 0800 Uhr immer noch dunkel draußen ist. Dann höre ich die ersten Autos auf der nassen Straße, lunze aus dem Fenster und sehe Wolken, Wolken, Wolken.

Also flüchte ich mich in die Bar im Erdgeschoß und halte mich tröstend an meinem Tee und einem kleinen Frühstück fest. Und das Timing passt - als ich um 0930 auf die Straße trete, hat es aufgehört zu regnen. Die Hänge und Almen über Lesaka riechen  noch nach Regen und dampfen in den warmen Vormittag hinein, während ich meinen Weg von gestern wieder bis zum Fluß zurückspule. Am Speditionshotel biege ich auf den sanft geschwungenen Weg ab, dem ich heute den ganzen Tag folgen werde.

 

Die Strecke serviert den ersten beleuchteten Tunnel, verbissene spanische Walkerinnen, den E-Bike-Fahrer (der mir heute insgesamt 4x begegnen wird). Und Sonne satt. Der regnerische Morgen hat sich inzwischen zu einem relativ warmen Tag gemausert (20? 23 Grad?), so daß ich mir für die Mittagspause ein schönes schattiges Plätzchen auf ein paar Baumstämmen am Wegesrand suche. Bonus: Die immer noch allgegenwärtige Nationalstraße mit ihren LKW-Kolonnen macht hier eine Abkürzung durch einen Tunnel und ist damit aus dem Spiel; alles, was ich höre, ist das Rauschen des Flusses. Ich werfe Rucksack und Stiefel ab, snacke mich durch meine Vorräte und genieße, daß ich Zeit zum Rumhängen habe.

 

In den Dörfern unterwegs stehen die alten Damen entspannt auf der Straße und plaudern. Ungewohnter Anblick -- im Süden Spaniens war um diese Uhrzeit niemals jemand auf der Straße zu sehen. Am späten Nachmittag neigt sich die Etappe auf der "Via Verde" dem Ende entgegen, das Tal öffnet sich plötzlich und vor mir liegt Doneztebe/Santesteban. Die Straßen im alten Teil des Ortes sind so schmal, so sich die alten Stein- und Fachwerkhäuser schon fast wieder über dem Kopf zu einem Tunnel zusammen zu schließen scheinen.

Meine Hostalwirtin sitzt entspannt vor ihrer Bar in der Sonne. Die Bar hat heute zu, aber sie hat auf mich gewartet, was ich ausgesprochen freundlich finde. Wir wurschteln uns mit Spanisch und Englisch alles Notwendige zusammen, sie versorgt mich mit einem Zimmer, dessen Fenster direkt auf den rauschenden Bach hinterm Haus schaut und hört. Ich werde schlafen wie ein Baby!

Morgen geht's dann endlich in die Berge! ["Endlich", schreibt er... Dabei kenne ich mich doch gut genug, daß ich mir spätestens morgen beim ersten saftigen Anstieg, den ich meinen schweren Körper hochwuchten darf, den entspannten Eisenbahnpfad zurückwünsche.]