Sonntag, 24. November 2019

Tag 30: Der Sommer ist zurück?

Villahermosa: Im Hellen deutlich netter.
Dienstag, 19.11.2019
30. Wandertag
Villahermosa del Rio nach Montanejos
8h (inkl. Pausen) / 25km
769m rauf / 1.016m runter

Beim Frühstück ist der etwas herbe Charme meines Hostals wieder zurück. Der Chef hat miese Laune, weil der Maler, der gerade die Bar renoviert, in seinen Augen Murks baut. Es riecht nach Farbe (passt super zum Tostada) und als der Maler auf die Bar klettert, um vor meiner Nase irgendwelche Deckenplatten wieder einzusetzen, beende ich mein Frühstück zügig und gucke mir lieber draußen auf der Straße an, wie mein Atem zu kleinen Dampfwölkchen kondensiert.



Die Sonne hat's noch nicht ganz ins Tal geschafft.
Villahermosa von oben, Aufstieg bald geschafft.

 
Der Tag beginnt erstmal flott mit 400 Höhenmetern Aufstieg, was mich trotz der kühlen Temperaturen am Morgen erstmal schwer ins Schwitzen bringt. Kurz vor dem Paß komme ich an einem besonderen Platz vorbei, hier an der "Pino Cacho" wird seit 100 Jahren am ersten Sonntag im Mai ein Fest gefeiert. Weiter habe ich die kluge spanische Hinweistafel leider nicht übersetzt. Links der Partykeller, in der Mitte lugt nochmal der Penyagolosa am Horizont hervor, rechts die "Pino". Schicker Dreiklang.

Hinter dem Paß ändert sich das Bild mal wieder. Die Landschaft wird plötzlich fast flach und hügelt nur noch leicht, die Sonne scheint durch die bunten Blätter von kleinen Wäldchen, die breiten Forstpisten werden zu kleinen Trampelpfaden. Die kommende Stunde bummele ich zum nächsten Zwischenziel, er Ermita de San Bartolomé, die still und ein bißchen verlassen neben der Landstraße in der Sonne döst. Kein Mensch und keine Regung zu sehen.




Nach der Ermita ignoriere ich den GR7 willkürlich für mehrere Kilometer, obwohl sich der Weg so viel Mühe gibt, die parallele Straße zu vermeiden. Aber ich habe gerade absurderweise mehr Lust, auf der Straße zu laufen. Endlich mal nicht gucken, wo man die Füße hinsetzt, Sonnenbrille auf, Hände in die Hosentasche. Bis ins nächste Dorf San Vicente kann ich schön den Kopf abschalten und einfach nur die Sonne und die Aussicht genießen, während alle Viertelstunde mal ein Auto vorbeikommt.

An einer kleinen vernachlässigten Picknickbank mache ich Mittagspause in der Sonne und kann zum ersten Mal seit Tagen wieder die Stiefel ausziehen, ohne kalte Füße zu kriegen. Die Aniskringel aus der Panaderia in Villahermosa schmecken hervorragend, dazu gibt's Oliven und einem Apfel. Ich bin sehr zufrieden darüber, wie angenehm warm es in der Mittagssonne noch wird.

Am Nachmittag mache ich mich an den Abstieg in Richtung Montanejos, die Sonne scheint auf die Hänge und versucht so zu tun, als wäre immer noch Sommer. Auf den Feldern sehe ich immer öfter Weinreben statt Oliven- oder Mandelbäumen, manchmal sogar Granatäpfel, in den letzten Gärten vor dem Wald hängen noch die Tomaten an den Stauden und rotten vor sich hin. Der Waldboden duftet nach warmen Sand und Piniennadeln und spätestens jetzt bin ich vollkommen glücklich.


Beim Abstieg komme ich an dem Hippedorf La Artejuela vorbei, das vor ein paar Jahren schon fast zum Geisterdorf verfallen war. Neben den vielen alten umgebauten und improvisierten Wohnmobilen, wie sie früher auch in Kreuzberg auf dem Bethaniendamm standen, fällt vor allem auf, das dieses Dorf schon aus der Entfernung deutlich lebendiger wirkt als die meisten verrammelten spanischen Dörfer sonst. Ich höre Stimmen quer über den Hang, es wird gewerkelt, dort steht ein alter Küchenstuhl auf einem Aussichtsplatz in der Sonne. Auch wenn ich an La Artejuela nur vorbeigelaufen bin, wird mir gleich etwas wärmer um's Herz.


Sehr kaltherzig hingegen habe ich die Entscheidung getroffen, da unten an der Weggabelung den Rest des Tages auf der Landstraße zu laufen. Der GR7 geht nochmal runter durch einen Barranco, auf der anderen Seite mit ein paar hundert Höhenmetern wieder hinauf, um dann wieder steil nach Montanejos abzufallen. Mir steht eher der Sinn nach entspanntem Abstieg, also wähle ich die Straße und zuckele die letzten 6 Kilometer des Tages auf Asphalt nach Montanejos. Spart mir ein paar Kilometer Strecke und zahlreiche Höhenmeter...

Montanejos. Plötzlich Tourismus.
Als ich Montanejos erreiche, verschwindet gerade die Sonne hinter den Bergen. An der Quelle am Hang gegenüber treffen sich die Damen des Dorfes und zapfen Wasser für den Hausgebrauch, sie haben eine hübsche Schlange aus Plastikkanistern gebaut und sich dann auf die Steinmauer in die letzten Sonnenstrahlen gesetzt. Mein Hotel ist der riesige Kasten unten rechts im Bild, ich verzichte dankend auf das zwielichtige Buffet-Abendessen im Großraum-Speisesaal für 11 EUR und lege mich lieber in die Badewanne.

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