Freitag, 29. November 2019

Tag 34: Ein ganzer Tag bergauf. Wer hat sich denn DAS ausgedacht?

Unter dem sanierten Aquädukt von Bejís kann man toll parken.
Sonntag, 24.11.2019
34. Wandertag
Bejís nach Andilla
8h (inkl. Pausen) / 25km
818m rauf / 707m runter

Als ich am Morgen meine Zimmerrechnung begleiche, sehe ich, daß nur das Frühstück von gestern berechnet wurde. Also frage ich das freundliche Mädel hinter dem Tresen, ob ich auch heute frühstücken könnte und krame vorsorglich schonmal die fälligen 6 EUR aus der Tasche. Sie muß - Tatsache! - erstmal bei der Chefin nachfragen, ob das klargeht - und schon wieder haben die Chefin und ich dieselbe Diskussion um's Frühstück wie gestern. Ich werd verrückt. Aber ich deute stur auf die 6 EUR, die schon vor mir auf dem Tresen liegen und dann ist irgendwann endlich Ruhe. Wird Zeit, daß ich hier rauskomme.

Raus, Taxi, Bejís. Am Ortseingang empfängt mich der Sturm, der aus Norden heranbrettert und mir die Atemluft abschnürt. Ich bringe mich im Bushäuschen in Sicherheit, um erstmal meinen Rucksack neu zu ordnen und mir je Jacke überzuziehen. Mit Blick auf die Karte bleibe ich aber entspannt, den größten Teil werde ich wohl im Windschatten der Berge laufen, als kann der Sturm mich mal.

Als ich durch Bejís laufe, komme ich am Hostal "El Tren Pita" vorbei ( "Der Zug pfeift"; ein etwas ausgefallener Name für einen Laden so weit oben in den Bergen; aber tatsächlich gab es früher eine Bahnlinie hier hoch, die inzwischen längst eingestellt ist. Aber man könnte wahrscheinlich immer noch die Züge unten im Tal von Jérica und Viver tuten hören, wenn der Sturm nicht so pfeifen würde). Die Tatsache, daß ich hier letzte Nacht (=Samstagabend) kein Zimmer mehr bekommen hatte, war der Auslöser für das logistische Taxi-Rumgemurkse der letzten Tage. Insofern bin ich etwas versöhnt, als ich beim Vorbeilaufen verstohlen durch die Fenster spähe: Der Laden ist tatsächlich bumsvoll mit Frühstücksgästen.

 
Unter den Bögen des Aquäduktes von Bejís hindurch schlüpfe ich in die Berge und beginne meinen Aufstieg. Mir ist erst gestern Abend kurz vor dem Einschkafen klargeworden, daß ich heute fast den ganzen Tag nur bergauf wandern werde. Und ganz am Ende steige ich dann den Großteil der gewonnenen Höhenmeter wieder ab. Leichter Widerwillen macht sich breit: Einen ganzen Tag bergauf? Wer hat den so einen Murks zusammengeplant? Mein Grummeln geht zwischen ein paar Windböen unter...

...bajo
...arriba

Möglicher Badespaß im Barranco del Quinón
An den zwei kleinen Bergdörfer Arteas de Abajo und Aretas de Arriba vorbei (nein, nicht Villariba / Villabajo, daran mußte ich als Kind der 90er natürlich auch denken) steige ich auf einer Forstpiste durch ein stilles Tal hinauf. Wird schmaler Pfad. Wird trockenes Bachbett. Wird steiniger Grund eines Barranco. Wird unübersichtlich. Ich fluche zwischendurch kräftig über stachelige Büsche, schlechte bzw. fehlende Wegmarkierungen, die Tatsache daß ich immer noch bergauf laufe und überhaupt. Mir kommen drei Burschen auf Motocross-Maschinen entgegen, der Erste schafft es fast, mich bei der etwas zu forschen Durchfahrt durch die nächste erreichbare Schlammpfütze großflächig einzusauen. Immerhin ist es ihm etwas peinlich und die Jungs verziehen sich runter ins Tal.

Am Nachmittag erreicht mich die Sonne und ich den Sattel, von dem aus ich das erste Mal runter ins Tal nach Andilla schauen kann. Schöne grüne Hügellandschaft, am Horizont Windräder. Der erste Wegweiser seit Stunden zeigt mir noch eine schnelle Alternative an: Auf direktem Wege runter ins Tal in nur 1h. Aber warum sollte ich jetzt schon absteigen, das Wetter wird gerade erst richtig schön. Es hat inzwischen freundliche 14 Grad, die Sonne knallt vom blauem Himmel und der Wind hält sich einigermaßen zurück. Und natürlich steht mir der Sinn nach einer ausgiebigen Nachmittagspause. Die leiste ich mir allerdings erst in einer Stunde, wenn ich oben an der Ermita bin. Dann ist nämlich der Aufsteig endlich geschafft und es geht nur noch bergab. Aber bis dahin sind es auf jeden Fall noch 2h.

Ein Klassiker in Spanien: Der Zaun aus Bettgestellen.
Mitte/Mitte im Tal: Andilla.
Surprise: Das Allrad-Wohnmobil von gestern.


Zwischendurch treffe ich noch das 4x4-Wohnmobil auf dem alten Mercedes-Fahrgestell aus den 80er Jahren, das ich gestern Nachmittag schon auf dem Parkplatz in Jérica gesehen hatte. Ich bin grün und blau vor Neid, so ein Ding hätte ich auch gerne. Ich knipse, winke und ziehe weiter in Richtung Ermita Bardés, um endlich mal wieder Pause machen zu können.


Die Ermita, natürlich abgeschlossen...
Das mittelmäßig einladende Refugio nebenan, natürlich offen...
Ich gönne mir eine gute Stunde Pause, während der ich das goldene Licht der Nachmittagssonne genieße. Die Stiefel lüften einen Meter weiter im Wind, ich lege mich auf die Picknickbank und mache für einen Moment die Augen zu. In der Sonne läßt es sich fast aushalten...

Beim Abstieg runter nach Andilla verliere ich mehrmals den Weg: Einerseits, weil ich schon auf Feierabendmodus geschaltet habe und nicht mehr richtig auf die Wegmarkierungen gucke (und natürlich, weil mir die Sonne ständig direkt ins Gesicht scheint und ich gar nichts sehen kann), andererseits, weil der Weg wirklich mies markiert ist. Ohne den GPS-Track, den ich im Netz gefunden habe, würde ich hier doof dastehen und wahrscheinlich blind auf irgendeiner Forstpiste absteigen.


Mit dem letzten Fitzelchen Licht erreiche ich Andilla. Meine Vermieterin Pepa wartet schon an der Casa Rural auf mich (die auch die einzige Übernachtungsmöglichkeit weit und breit ist), wir erledigen kurz die Formalitäten und währenddessen merke ich, was sie für eine hilfreiche und freundliche Person ist. Sie spricht ziemlich gut Englisch, was mir mit meinem miesen Spanisch total gelegen kommt, und zum zweiten Mal auf dieser Tour fühle ich mich etwas adoptiert, weil sich jemand plötzlich um mein Wohlergehen kümmert. Sie hilft mir noch, eine der Übernachtungsoptionen für die nächsten Tage anzutelefonieren. Richtet schonmal das Frühstück für morgen früh her. Das einzige Restaurant im Dorf hat heute zu, also nimmt mich Pepa mit in die Bar nebenan, stellt mir den Patron Juan vor, klärt ab, daß er dem müden Wanderer später noch einen Teller Abendessen fertigmacht (Eier - Kartoffeln - Würste: Was braucht der Wanderer mehr?) und verschwindet dann lachend in die Nacht. Ich bleibe glücklich und zufrieden zurück, habe alles, was ich brauche und freue mich jetzt schon auf die nächsten Tage.

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